Ausgabe 
14 (26.3.1854) 13
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keinem gleichzeitigen Schriftsteller Erwähnung. Eben so scheint das, waö von Moha-medS Ercessen in der Sophienkirche und dem Morde des Patriarchen erzählt wird,lediglich eine Erfindung des Hasses zu seyn. Mohamed II. war zu verständig, umfür seine Person gegen christ iche Kirchen und christliche Priester zu wüthen. ImGegentheil, seine eifersüchtige Achtung vor dem herrlichen Dom, der, in eine Moscheeverwandelt, das Monument seines Ruhmes werden sollte, war so groß, daß er beimersten Betreten desselbrn einen eifrigen Muselmann, der den marmornen Fußbodenausbrach, mit seinem Säbel nachdrücklich daran erinnerte, wie er zwar Beute undGefangene den Soldaten bewilligt, öffentliche und Privatgebäude aber dem Fürstenvorbehalten habe. Und als er bald nach der Einnahme der Stadt die Wahl undEinsetzung eines Patriarchen vornahm^ vernachläßigte er dabei keine der Ehrenbezeu-gungen, die in dem Ceremonie!! deS ehemaligen byzantinischen HofS vorgeschriebenwaren. Auf seinem Thron sitzend, übergab der Sultan dem Gennadios den BischofS-oder Hirtenstab, daS Symbol seiner geistlichen Würde, begleitete ihn dann bis anSThor des Serails, machte ihm ein reichgeschmücktes Pferd zum Geschenk, und befahlden Wksireu und Bässen, ihn in den zu seinem Aufenthalt bestimmten Palast zu fuhren.Wir erwähnen dieß nur beiläufig, um anzudeuten, wie wenig die Erzählung, die denEroberer Konstantinopels in der Sophienkirche herumwüthen und den Patriarchen amAltar niederschlagen läßt, mit den Thatsachen der Geschichte sowohl als mit Moha-medS Charakter und Politik übereinstimmt. Ist aber die Ermordung des Patriarchenein Märchen, so fällt natürlich auch die dem Sterbenden zugeschriebene Prophezeiungin Nichts zusammen Man geht gewiß wenig fehl, wenn man beide Weissagungen,sowohl die deS Mönchs als die des Patriarchen, für leere'Erfindungen einer späternZeit erklärt. Damit so!! indeß nicht gesagt seyn, daß es unter den Griechen wirk-lich keine Prophezeiungen über das endliche Schicksal des Reichs und der Hauptstadtgegeben habe. Im Gegentheil, wenn wir byzantinische Chronisten durchblättern, sofinden wir deren genug verzeichnet; aber sie fallen meist in frühere Perioden. Eineder merkwürdigsten ist unstreitig die, welche NiketaS ChoniateS spax. 4!34Z3),der zu Anfang deS 13ten Jahrhunderts schrieb, und der ungenannte Schriftstellercle ^ntiquitst. On5l., der um das Jahr 1100 lebte und mit dem unS Banduri(Imper. Orient, lom. I. p. 19!8) bekanntmacht, mittheilen. Dieselben erzählen nämlich,daß auf dem Forum deS Taurus eine eherne Reiterstatue gestanden habe, die aus Antio-chien dahin gebracht und von der es ungewiß gewesen sey, ob sie den Bellerophon oder denJosua habe vorstellen sollen. Auf diesem Denkmal nun (das, beiläufig gesagt, spätervon den Lateinern eingeschmolzen wurde) habe sich eine geheime Inschrift befunden,die eine Prophezeiung enthalten habe deS Inhalts: daß die Russen (o«, inden letzten Tagen Herren von Konstanti'nopel werden sollten. DieseWeissagung, vor achthundert Jahren ausgesprochen, zu einer Zeit, wo Europa dieRussen kaum dem Namen nach kannte, und von zwei ziemlich gleichzeitigen Schrift-stellern verbürgt, die wir heute noch besitzen, könnte allerdings überraschen, wenn mannicht die Geschichtsperiode in Betracht zöge, in der dieselbe entstanden ist. Es wardie Zeit der Scezüge, welche die Russen oder Waräger (Zc^c^/m) gegen Konstantinopelunternahmen. Die Geschichte meldet von vier solchen Zügen. Der erste wurde vondem Fürsten von Kiew 865, der zweite von Okp 904, der dritte von Igor, RurikS Sohn, 941, der vierte »ud letzte von Jaroslaw, JgorS Enkel, 1043 unternommen. Zwargelang cS den nordischen Barbaren nicht, die seste Hauptstadt deS byzantinischen Reichseinzunehmen; aber sie jagten doch den Griechen bedeutende Angst ein, und diese Angstgebar offenbar obige Prophezeiung. Die Griechen waren nämlich, wie bekannt, eineben so wundersüchtigeS und leichtgläubiges, als ein phantasiereiches Volk. Was siehofften uud fürchtete», dachten sie nicht in Abstraktionen, sondern in Bildern, beklei-dete» es mit den bunten Farben der Einbildungskraft und gäbe» ihm den Anstrich desWunderbaren und Gcheimnißvollen. Aus dieser Eigenthümlichkeit deS griechisch-byzan-tinischen BolköcharakterS flössen die zahlreiche» Legenden, Wuudergeschichten und Pro-phezeiungen, deren jedes Jahrhundert, jeder wichtigere Abschnitt im Staatsleben neue