Ausgabe 
14 (26.3.1854) 13
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hervorbrachte. Im neunten, zehnten und eilften Säcnlnm waren eS, wie gesagt, dieRussen, die durch ihre wiederholten Seezüge den Griechen die Besorgnis) einflößten,daß es den verwegenen Abenteurern am Ende doch gelingen dürfte, das sinkende Reichüber den Haufen zu warfen. Ihrer Gewohnheit gemäß kleideten sie diese Befürchtungin die Form einer Weissagung. Später verschwand die Furcht vor den Russen. NeueFeinde traten in den Vordergrund, und damit änderten sich auch die Vorherverkün-digungen der Seher, Je nachdem Konstantinopel von den Normannen, Lateinern,Bulgaren oder Türken bedrängt wurde, tönte auch die Prophetenstimme anders. ImGefühl der eigenen Schwäche, gegenüber der rohen Kraft der anstürmenden Feinde,schrieben die Griechen bald dem einen, bald dem andern Volk den zukünftigen Unier-gang deS Reichs zu. Als eine merkwürdige Fügung deS Zufalls dürfte eS aberimmerhiu erscheinen, daß nach einem Kreislauf von beinahe tausend Jahren jetztabermals die Russen sind, welche Konstantinopel zittern machen, freilich nicht mehrdaö christliche Konstantinopel der Griechen, sondern die Metropole eines islamitischen,aus Asien eingedrungenen ErobererstammeS, der das Griechenreich vernichtete. Auöder Menge von Prophezeiungen, welche in den verschiedenen Zeitaltern die Phantasieder Griechen beschäftigen, wollen wir beispielsweise nur zwei auSheben, von denendie eine erfüllt worden, die andere unerfüllt geblieben ist. Um die Mitte des 12tenJahrhunderts hatte eine Malronc einen Traum oder vielmehr ein prophetisches Gesicht,«sie sah auf dem Forum des Taurus ein zahlreiches Heer versammelt und auf derTheodosischen Säule (einem 147 Fuß hohen Pfeiler von weißem Marmor) einenMann sitzen, der die Hände zusammenschlug uns laut aufschrie. Die Sache scheintdamals Aufsehen gemacht zu haben und unter dem Volk bekannt worden zn seyn;denn der Dichter Tzctzes nimmt ausdrücklich Notiz davon (Lliilias IX, 277). FünfzigJahre später, 1204, nachdem die Lateiner Konstnnlinopel zum zweitenmal erstürmthalten, wurde der Usurpator Aleriö MurzuphluS, aus dem Hanse Dukas, der Mörderder Kaiser Jsaak AugeluS und AlcriS Angelus, von dieser Säule herabgestürzt undauf dem Pflaster zerschmettert. Dabei war nicht nur das abendländische Heer, sondernauch eine zahllose Menge von Griechen anwesend, welche letztere allgemein in demschrecklichen Schauspiel die Erfüllung jener alten Prophezeiung erblickten. Denkbar istes freilich, daß die lateinischen Kriegsfürsten von der alten Sage vernommen und mitRücksicht daraus vaS entsetzliche Sirasuriheil über den Usurpator ausgesprochen hatten!Ein zweites Beispiel ist folgendes: Zur Zeit der Türkengesahr entstand die Prophe-zeiung, daß die Türken zwar eines Tages in die Stadt eindringen, aber die Christennur bis aus den Platz vor der Sophienkirche verfolgen würden. Dort werde amFuß der Säule Konstantins ein armer Mann sitzen, Zn diesem werde ein Engel tretenund ihm ein Schwert in die Hand geben, mit den Worten:Nimm dieses Schwertund räche daö Volk deS Herrn!" Auf diese belebenden Worte hin würden die Türkensogleich die Flucht ergreifen und von den siegenden Griechen aus dem Abendland uudganz Anatvlien bis an Persiens Gränzen gejagt werden. AIS die Türken nun wirklichmir stürmender Hand in Konsteintinopel eindrangen, waren, wie DukaS (Kap. 39)berichtet, Tausende von leichtgläubigen Christe» sowohl in der Sophienkirchc, als aufdem Platze vor derselben versammelt, um die Erfüllung dieser Weissagung mit anzu-sehen. Aber eS erschien weder Mann, noch Engel, und die En täuschten mußten sichgefallen lassen, Gefangene der wilden Sieger zu werden. Endlich müssen wir nocheiner Prophezeiung gedenken, welche Bezug auf die Türken hat, nnd ebenfalls voneinem byzantinischen Schriftsteller berichtet wird. Cedrcnuö sagt nämlich (tom. II, p. 79!):Umer den Türken gehe die Sage: eS sey vom Schicksal bestimmt", daß der Stamm derTürken von der nämlichen Mucht vernichtel werde, womit Alexandervon Macedonicn die Perser vernichtet habe. (^e^-ero ?"ot^xol?^o^vi,', e»^ TreTr^co^e^ov x«rtt0r»«s/^>'«t T^ov^xc-)»' ^e^os ^? r^e,' lotcr^S6^«^!^', ö?rottt? o M«xi6c-^ ^/^v^c^os x^cov //x^c7«i>'.) Daß

den Türken die Geschichte JSkander Tulkaruain (so nennen sie Alexander den Großen)bekannt war, kann nicht befremden; sie hatten sie, wenn auch mit manchem Märchen