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Paris , 10. April. Trotz der vielbewegten politischen Zeit, die mit ihremlauten Treiben fast alle Gemüther in Anspruch zu nehmen scheint, haben sich dochnoch Viele von diesem Taumel frei zu erhalten gewußt, oder auch vielleicht, wennder Ausdruck erlaubt ist, eben deßwegen sich in die Kirchen geflüchtet, um endlicheinmal etwas Besseres und Solideres zu hören, als das kümmerliche Geschwätz deSTageS. Wir können schon jetzt beim Eintritte in die stille Woche und bei einem Rück-blicke auf die vergangene Fastenzeit unsere Freude und Genugthuung nicht verber-gen über die außerordentliche Theilnahme, welche das große Pariser Publicum denPredigten und sonstigen frommen Uebungen zugewendet hat. Man hat jedenfallsUnrecht, wenn man, nach Weise der Pessimisten, im Hinblicke auf die ungeheureBevölkerung von Paris , „die paar tausend Menschen", die sich Abends in den Kir-chen zusammenfinden, für nichts rechnen wollte; wir haben mit Aufmerksamkeit vomAnfange der Fastenzeit an den Kirchenbesuch in allen Quartieren der Hauptstadt ver-folgt, und ein äußerst erfreuliches Resultat gewonnen. Sämmtliche Fastenprediger(in einem frühern Artikel versuchten wir eine kurze Charakteristik der vornehmsten unterihnen) fanden sofort und ohne Ausnahme an den ersten Abenden ein zahlreichesAuditorium, daS sich mit jeder Woche vergrößerte, und jetzt am Ende der Fastenzeiteinen seltenen Höhepnnct erlangt hat. Der große Fortschritt Praktischer ReligionS-Übung, wie des Kirchenbesuches überhaupt, fällt uns erst dann recht in die Augen,wenn wir in dieser Beziehung einen Vergleich anstellen mit den Jahren der letztenRepublik und namentlich mit 1848. Da war alles religiöse Leben in Paris erstorben,die Gotteshäuser standen leer, wie die königlichen Schlösser, oder auch, wie in denletzteren sich allerlei Volk von der Classe der GesellschaftSratten niederließ, so konnteman auch in den ersteren hie und da, Gottlob nur selten, von der Kanzel herabReden hören, die zum Zwecke hatten, den neuen Zeitideen in ärgerlicher Weise Rech-nung zu tragen. Schon mit der Präsidentschaft Louis Napoleons trat ein Umschlag,ein Hinneigen zum Bessere» ein, und seit der Kaiscrzeit ist dieß so durchaus unver-kennbar, daß die Gerechtigkeit verlangt, wie man auch sonst über das augenblicklicheRegiment denken mag, sich nach dieser Seite anerkennend auszusprechen. Auch daSjetzige kirchliche Leben in Paris, mit demjenigen unter Louis Philippe verglichen,schlägt sehr zum Vortheile des ersteren auS. Damals war daS einzige, wahre Gottes-haus die Börse, und man meinte, weil man diese sechsmal in der Woche andächtigund eifrig besuchte, den Besuch der Kirchen am Sonntag mit Fug übergehen zukönnen. Die besseren christlichen Elemente des Volkes wurden durch das Beispiel vonoben unterdrückt, Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen und mehr als daS war damalsan der Tagesordnung. Dieß hat, Gott sey Dank, einem ganz anderen ZustandePlatz gemacht, und wenn eS erlaubt ist, vom Ganzen auf Einzelnes zu schließen, sodürfen wir wohl einen nicht geringen Theil des Verdienstes an dieser glücklichenWandlung den Bemühungen der Jesuiten zuschreiben, die seit der Februar-Revolutiondie ihnen aufs Neue in Frankreich gewordene Freiheit auf das trefflichste und erfolg-reichste benutzt haben. Es scheint ein besonderer Gottessegen auf Allem zu ruhen,was diese ehrwürdigen Väter beginnen; ihre neu gegründeten ErziehungS-Anstalten —wir erinnern hier nur an das vor wenig Jahren übernommene Institut dieser Art inVaugirarv — stehen im größten Flor, ihre Prediger sind die ersten der Hauptstadt,ihre Missionen und Retraiten sind die besuchtesten von allen übrigen. Längst hat sichauch im Volke durch die allzu schlagenden und zu sehr in die Augen fallenden Erfolgeund Vorzüge dieses Ordens, an die Stelle dcö albernen VorurlheilS bei dem bloßenNamen „Jesuit ", eine vernünftige und durchweg günstige Stimmung für denselbengeltend gemacht; man kann den Jesuiten die großen praktischen Erfolge nicht mehrvestreiten, und sich nicht gut mehr zu ihren Gegnern bekennen, ohne den Vorwurf derSchwachsinnigkeit oder Böswilligkeit zu hören. Mehr als je darf dieser Orden,zumal für Frankreich, und für Paris insbesondere, statt aller Vertheidigung auf die