Ausgabe 
14 (11.6.1854) 24
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Die Aufgabe genialer Frauen in der christlichen Kirche.

Was kein Verstand der Verständigen sieht,

Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth." Göthe .

Nicht lange darnach, als daS Kreuz seine segnenden Strahlen auf die starreErde sandte, trat in den Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft ein gewaltigerUmschwung ein: Wo früher Sclaverei herrschte, sah man jetzt Freiheit walten; wovorher Perkennung der heiligsten Menschenrechte, wie sie der Schöpfer geordnet halte,zu sehen war, stand jetzt das Christenthum mit seiner himmlischen Lehre von Gleich-heit nnd Bruderliebe im Sinne des ewigen Mittlers, jener Theil der Menschheit, derim Heibenthume nebst der schweren Bürde, die er zn tragen hatte, auch noch mitSclaveusesscln belastet war, erfreute sich im Schatten deS Kreuzes jenes GlückeS,das ihm durch die reinste Jungfrau als Mutter deS Herrn in so reichem Maaße zu-strömte. Mit einem Worte, dem Christenthume gebührt das hohe Verdienst, denFrauen ihre Stellung in der Gesellschaft erkämpft nnd verschafft zu haben. Seit jenerStuude, in welcher sich dieGesegnete" als Magd deS Herrn bekannte, gab eskeinen Fluch der Sünde mehr, sah man die dunkle Nacht vom Ervkreise schwinden,denn schon zog die Morgemöthe herauf; und jener Friede, den die Engel auf Beth-lehems Auen allen Menschen von gutem Willen gebracht, ergoß seine Segnungenbesonders in jene Herzen, oie bisher ihn am schmerzlichsten vermißt hatten, und derenLeihen ihr Ende gefunden, seit das starkeWeib" unter dem Kreuze des SohneSGottes gestanden, in den Kreis des Frauengeschlechtes. In dankbarer Erinnerung andiese Wohlthat schaarten sie sich auch stets um ihren Retter und Befreier JesumChristum, und ließen nicht von ihm, auch wenn Verfolgung und Tod sie bedrohte.Die christliche Religion," sagt ein großer Denker,ist dem Weibe zur zweiten Naturgeworden; halt sie nicht daran, so wird sie zur Verbrecherin an ihrer Natur." F irdie Wahrheit dieses AuSiprucheS zeugen Thatsachen und Ereignisse nicht bloß deSPrivatlebens, sondern weit mehr solche, die der Weltgeschichte angehören. Wenn eSFrauen gab, die mit und durch das Christenthum Völker in den Himmel führten,so fehlt eS auch nicht an solchen, die ohne den Glauben an das Kreuz die halbeWelt der Hölle überantworteten. Es kann nicht in unserm Interesse liegen, Letzterenäher inS Auge zn fassen, denn das Laster ist dem sittlichen Menschen ein Gränel;wohl über lohnt eS sich der Mühe zu untersuche«, wie weit das schwache Auge deSMenschen reicht, wenn er jene unergründlichen Rathschlüsse GottcS betrachtet, durchwelche er jenem Geschlechte, das der Weit als dusschwache" gilt, bisweilen so großeund umfassende Gränzen seines Wirkungskreises zieht, daß man in Staunen und Be-wunderung aufgelöst nur rufen kann: O Tiefe des Reichthums der Weisheit Gottes!Wohl ist es nicht ganz ungegrünvet, wenn die Psychologie nachweist und das Lebenes bestätiget, daß beim Weibe das Gemüth die Oberhand über den kalten Verstandhabe, während daS umgekehrte Verhältniß beim Manne stattfindet; allein es ist daseben nur wie vieles Andere eine Regel von unzähligen Ausnahmen eingeengt. Wennein Mensch gleichsam hinaustritt aus dem Kreise der Gesellschaft, dadurch daß eretwas Außerordentliches thut, wozu die Kräfte Vieler nicht hingereicht hätten, sonennt die Welt ihn begabt (genial). Wenn dieser Mensch aber ein Christ ist, undseine That vom Glauben an Gott und Kirche getragen ist, da ignorirt eS die ungläu-bige Weit vornehm, oder sncht durch unedle Motive zu erklären. Ist eS aber gareine Frau, so fehlt eS natürlich nicht an Schlagwörtcrn von Schwärmerei, SinneS-trug und Sinnestäuschung, und im schlimmsten Falle war es ja doch nur ein Weib,und die Sache hat folglich keine so große Bedeutung. Wenn .eS an solchen schiefenBeurtheilen, im gewöhnlichen Leben nicht fehlt, so treten sie doch viel ungeschlachterund dreister dort auf, wo es die Religion und namentlich die katholische angeht.

Eine christliche Jungfrau, die der Stolz ihrer Familie war, flüchtet aus demgeliebten Kreise in die stille Zelle eines Klosters, und sie darf von Glück sagen, wenndie stumpfsinnige Welt sie nurverrückt" nennt. Es könnte das befremden, wenn