Pi-rzchnt-r L»h.,«»«.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger Pojheitung.
18. Juni M^- 2S. 1854.
Dieses Blatt erscheiut regelmäßig alle Tosutage. Der halbjährige Abon«ement«prei«TV kr., wofür e« durch alle königl. bayer. Poüämter und alle Buchhandlungen bezogen werde» kann.
Breve über die Seligsprechung der ehrwürdigen Germana Coufin
von Pibrac.
Der Urheber und Regieier aller Dinge, der ewige Gott, haßt nichts mehr, alsden thörichten Hochmuth des menschlichen Sinnes; darum verwirft und züchtiget erDiejenigen, welche auf eigene Kraft vertrauen und von Eigendünkel aufgebläht find;die Demüthigen aber und die Verachteten stärkt er mit übernatürlichem Beistande undtreibt sie an, all das Schwere zu vollbringen. Er hat nicht nur vor alter Zeit dieHand des Knaben gefüyrt, um den Uebermuth des riesigen Philisters zu brechen, erhat nicht bloß oie schwache Rechte jenes Weibes bewaffnet, den HoloferneS zu todten,sondern auch durch alle folgende Zeitalter hat Gott die Schwachen erwählt, um dieStarken zu beschämen. Dieses sehen wir auch im sechzehnten Jahrhundert der Kirchegeschehen, in welchem Jahrhunderte von einer gewissen eileln und frechen, gottentfrem-deten Weisheit aufgeblasene Menschen durch den Hochmuth den Geist abzogen vonder demüthigen Unterwürfigkeit unter den Glauben, und die furchtbarsten Irrthümerzum Verderben der Seelen vorbrachten: da war eS, wo ein demüthigeS und einfäl-tiges, an einem wenig bekannten Orte geborenes Mädchen, eine Verehrerin der wah-ren und unverfälschten Religion, mit dem Geist der Weisheit und der Erkenntniß vonOben erfüllt, durch die Uebung der vorzüglichsten Tugenden weit über sein Alter undseine Verhältnisse hinaus so sehr leuchtete, daß eS nicht nur Frankreich , wo eS geborenworden, sondern die ganze Kirche als ein neues Gestirn überstrahlte.
Dieselbe war zu Pibrac in der Diöcese Toulouse von armen Eltern geboren imJahre 1579, und erhielt in der Taufe den Namen Germana . Schon von Kindheitan mit Leiden heimgesucht, betrat sie den dornenvollen Tugendweg mit bereitwilligemHerzen. Der Mutier beraubt, hatte sie den Zorn der Stiefmutter zu ertragen, undnachdem sie auf deren Antrieb auS dem väterlichen Hause gejagt worden, weil sie aneinem HalSgeschwulste litt, hütete sie die Schafe. Und diese Lebensweise benützte daöehrwürdige Mädchen zu wundersamen Fortschritten in der Heiligkeit; denn auf demeinsamen Felde und im stillen Walde leichter von den menschlichen Eitelkeiten sich los-sagend, heftete sie ihr Gemüth fester auf Gott . Von seiner Liebe glühend, ließ sieim Gebetseifcr niemals nach, sie mochte die Schase auf die Weide führen, oder, weib-lichen Arbeiten obliegend, spinnen. Weder die Länge noch die Beschwerlichkeit desWegeS konnte sie jemals abhalten, die Pflichten der Religion pünctlich zu erfüllen;ja um dem Gottesdienste beizuwohnen, ließ sie, der göttlichen Vorsehung vertrauend,die Heerde im Walde zurück, und besuchte täglich die Kirche, sie mochte noch so weitentfernt seyn; häufig reinigte sie sich auch durch das heilige Bußsacrament und stärktesich durch die heilige Communion. Die Gottesmutter verehrte sie, wie ein Kind die