Ausgabe 
14 (18.6.1854) 25
Seite
194
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

294

Mutter, und weihte sich eifrig ihrem Dienst. Von der Liebe zu Gott ganz durchglüht,liebte sie auch die Mitmenschen von Herzen, und war, so weit es in ihren Verhält-nissen möglich war, bemüht, in allen Dingen ihnen nützlich zn seyn, sowohl imGeistigen als im Leiblichen. Darum pflegte sie die Knaben in den Wahrheiten desGlaubens zu unterweisen und zur Frömmigkeit anzuleiten, und stillte den Hunger derArmen mit dem sich selbst entzogenen Brode, ihrer einzigen Nahrung. Sie war einherrliches und seltenes Muster der Sanstmuth, Geduld und Standhaftigkeit. Obgleichsie bei der Schafhut von Kälte und Hitze zu leiven hatte, mit dem Uebel deS HalS-geschwulstes schon von Kindheit an geplagt war, und, so oft sie in das väterlicheHauS kam, von der Stiefmutter äußerst hart und lieblos behandelt wurde und ineinem dunkeln Winkel deS HanseS auf hartem Stroh schlafen mußte, so wurde siedoch niemals von so vielen Mühseligkeiten und Beschwerden überwunden, zeigte viel-mehr eine beständige Heiterkeit, denn sie freute sich, zu leisten und verachtet zu werden,um dem Bilde deS Sohnes GotleS gleichförmig zu werden. Nachdem daS unschuldigeMädchen auf dem betretenen Wege der christlichen Vollkommenheit freudig und stand-haft fortgeschritten, wurde sie endlich zum Lohne ihrer Verdienste berufen, und ver-tauschte dieses sterbliche, leivenvolle Leben mit dem ewigen, seligen (22 Jahre alt).Ein so großer Glanz der Tugenden mußte Allen in die Auge» leuchten, und verschaffteihr den Ruf der Heiligkeit, welcher auch »ach ihrem Tode nicht erlosch, sondern sichweit umher verbreitete, und besonders auch dadurch vermehrt wurde, daß, nachdem siebereits vierzig Jahre verstorben war, die sterblichen Ueberreste der Jungfrau noch ganzunversehrt und mit frischen Blumen bestreut gefnnven wurden. Zu diesem Anzeichenkamen noch viele andere Wunder, welche am Grabe der Dienerin GotteS durch gött-liche Macht gewirkt worden, durch deren Ruf die erzbischöfliche Curie zn Toulouse sichangetrieben fühlte, sowohl ihre Wuuderthalen als die noch unbestattet und unversehrtvorhandenen Ueberreste zn untersuchen und zu constatiren, daß sie der ehrwürdigenGermana angehörten, durch Beizichung zweier Zeugen, welche dieselbe während ihresLebens gekannt hatten.

Solche ausgezeichnete und durch göttliches Zeugniß bestätigte Tugend erkanntendie Bischöse von Toulouse für würdig, daß sie vermöge der Entscheidung des aposto-lischen Stuhles die Ehren der Himmelsbürger erlangte. Allein eS kamen nun jenefür die allgemeine Kirche und für Frankreich insbesondere so schweren und traurigenZeiten, uud diese verhinderten, daß die betreffende» Verhandlungen eingeleitet wurden.Und anbetungswürdig sind die göttlichen Rathschlüsse, welche diese Sache unserenTagen vorbehielten, auf daß sie durch das vorgehaltene Beispiel dieses auf dem Wegeder Unschuld und Demuth zur Glorie und Ehre der Seligen erhobenen Mädchens an-geeifert würden, und der in so vielen Herzen sast erloschene Glaube wieder belebt uuddie Sitten durch die christliche Zucht gebessert würden. Endlich, 242 Jahre nachdem Tode der ehrwürdigen Dienerin Gottes, schien die Zeit gekommen, die gesetzlichenUntersuchungen anzustellen über ihre Tugend und die durch ihre Fürbitte geschehenenWunder, um sie unter die Zahl der Seligen setzen zu Können. Und Gott, der dieDemüthigen erhöhet, löste alle Schwierigkeiten; denn eS läßt sich das besondere Wal-ten der Vorsehung dabei nicht verkennen, daß die Ueberlieferung der Thaten und Zei-chen der ehrwürdigen Germana so vollständig aus uns gekommen ist. Und zwar isterstens Das wundersam, daß die Familien, welche zu Lebzeiten GermanaS in Pibracbestanden, noch jetzt dort bestehen uud wohnen, und in denselben das Menscheualterstch so verlängerte, daß das Andenken an jene Begebenheiten durch drei oder vierZeugen aus diese unsere Zeiten gebracht worden ist. Die Tugenden dieser uuschuld-vollen Jungfrau aber und die ununterbrochene Reihe der Zeichen ist mit solcher Glaub-haftigkeit und Unverfälschtheit von den Großellern und Eltern auf die Kinder, Enkelund Nachkommen überliefert worden, daß sich während eines so langen Zeitraumeseine wnndcrsame Unbefangenheit in den Aussagen Aller, eine wundersame Einfalt,eine bewunderungswürdige Uebereinstimmung Äller findet; und daS sind die sicherstenZeichen und Beweise der Wahrheit.