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Der Prinz Gemahl in England als Theologe.
In England besteht der Verein, der sich die Unterstützung dürstiger anglikani-scher Geistlichen und ihrer Wittwen und Waisen zur Aufgabe gesetzt hat. Er heißtder Verein der „Söhne von Geistlichen" und zählt die angesehensten Männer desLandes zu seinen Mitgliedern oder Gönnern. Im Mai feierte der Verein sein 200-jährigeS Jubiläum, Morgens durch einen feierlichen Gottesdienst in St. Paul, wo-bei der Erzbischof von Canterbury predigte, daraus durch ein Diner von 45() Gedeckenunter dem Vorsitze deS Lord-Mayorö von London . Der erste Toast war: „Die Kircheund die Königin"; den zweiten: „Prinz Albert, der Prinz von Wales und die übrigekönigliche Familie", beantwortete Prinz Albert, der zur Rechten deS Lord-Mayorssaß, unter großem Beifall, wie folgt: „Ich bin in der That sehr erfreut darüber,ein Zeuge dieses LVVjährigen Jubiläums gewesen zu seyn, da dasselbe beweist, daßdas Volk dieses Landes die früher begonnenen Unternehmungen nicht aufgibt, undden Geist, welcher seine Väter beseelt hat, nicht verläßt. Als unsere Vorsahren denchristlichen Glauben reinigten und das Joch einer tyrannischen Priesterschaftabwarfen, da erkannten sie, daß der Schlußstein deS wunderbaren Baues, der sichin den finstern Jahrhunderten deS Mittelalters erhoben hatte, die Ehelosigkeit derGeistlichen sey; sie sahen wohl vorher, daß ihr reformirter Glaube und die neugewonnene religiöse Freiheit nur sicher seyn würde in den Händen einer Geistlichkeit,welche durch alle Sympathien — nationale, persönliche und häusliche — mit demVolke verbunden wäre. Meine Herren! Unsere Nation hat seit dreihundert JahrendaS Glück einer auf dieser Grundlage ruhenden kirchlichen Institution genossen, undkann nicht dankbar genug seyn sür die Vortheile, welche daraus erwachse», daß diechristlichen Prediger nicht allein die Lehren des Christenthums predigen, sondern inihren Gemeinden leben als Muster in der Erfüllung aller christlichen Pflichten, alsGatten, Väter und Familienhänpter, selbst fähig, die ganze Tiefe der menschlichenGefühle, Wünsche und Sorgen zu ergründen. Indem wir dankbar anerkennen müssen,daß sie im Ganzen diese hohe und schwierige Aufgabe würdig gelöst haben, müssenwir bedenken, daß wir ihnen nicht die gleiche Theilnahme an einer der Bestrebungendes Lebens gestatten, an der, welche unter den Kindern dieser Welt vielleicht diestärkste ist, an dem Streben, die Güter dieser Welt zu erwerben und zu vermehren.Die Benennung „ein geldmachendcr Pfaff" ist die größte Schmach für einen Geist-lichen und beraubt ihn jedes Einflusses auf seine Gemeinde. Und doch hat der Mann,der die den Meisten von uns gestatteten Minel, Reichthum zu erwerben, nicht anwendendarf, und der oft nnr ein spärliches Einkommen hat, — er hat Frau und Kinder,wie wir, und wir wünschen, daß er für ihr Wohlergehen eben so besorgt ist, wiewir für das der Unseligen. Sind wir nun nicht verpflichtet, ihn vor Sorge undseine Kinder vor Armuth zu schützen, wenn es dem Allmächtigen gefällt, ihn von demSchauplätze seiner Arbeiten zu entfernen? Sie haben diese Frage heute durch IhreAnwesenheit mit Ja beantwortet, und wiewohl dieser Verein materiell nur wenigleistet, so ist er doch in moralischer Hinsicht eine öffentliche Anerkennung d?r Ansprüche,welche die „Söhne der Geistlichen" auf die Sympathie und Freigebigkeit des Publi-cums haben, und als solche ist er von dem größten Werthe. Möge der Verein nochweitere Hunderte von Jahren bestehen, als Band der Einheit zwischen Geistlichen undLaien, und möchte er bei jedem hundertjährigen Jubiläum die Nation weiter fortge-schritten finden in Glück, Civilisation und Frömmigkeit!^
„Ein Katholik" schreibt über diese Rede im „Tablet": Die Erfahrung hat unslängst gelehrt, daß die Toast-Beredtsamkeit der beiden Londoner Bankette eine wennnicht narkotische, doch antipapistische Tendenz hat. Es ist Ihren Lesern noch wohlerinnerlich, wie bei einer gewissen denkwürdigen Gelegenheil die ehrwürdigen Wächterdes Gesetzes nnter dem berauschenden Einflnsse von Schildkrötensuppe und Zubehörmit einander in Ausdrücken protestantischer Sentimentalität wetteiferten. Man hieltxs in der That allgemein für nicht sehr schicklich, daß der, welcher die Waage der