Ausgabe 
14 (23.7.1854) 30
Seite
237
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

237

sagen könntest: ich kann'S nicht. Warum schämst du dich deutsch zu reden? Uebri-genS lernen die Kinder mit unglaublicher Schnelligkeit englisch, und so auch die Dienst-mädchen, die bei englischen Familien dienen. Ueberhaupt sprechen die Mädchen undFrauen das Englische viel deutlicher aus, und lernen eS auch schneller. Ich fragteeinen Amerikaner um die Ursache, der mir darauf die ganz naive Antwort gab : KeinWunder, sie plaudern und schwätzen ja so viel.

Ich kehre zu meinem Missionsbericht zurück. Der Monat Mai nahte heran,und ein Geschäft von großer Wichtigkeit rief mich wieder nach Cincinnati . Seit einigenJahren ersuchte mich schon der hochwürdigste seeleneisrige Erzbischof Purcell , die Sta-tuten der Diöcese zu entwerfen und auszuarbeiten, was ich jedoch immer von mirablehnte. Endlich drang der hochwürdigste Pr-ilal so sehr in mich, daß ich mich dazuentschloß. Ich verwendete mit größler Anstrengung dazu den vollen Monat Mai,doch so, daß ich täglich zu Ehren der seligsten Jungfrau in der hl. Philvmenenkirchevor einem hochfestlich gezierten und beleuchteten Altare predigte. Die vielen Kerzen,in deren Mitte das schöne Marienbild von acht Fuß Höhe aus Goldgrund stand,bildeten ein flammendes großes Herz. Ich übergab dem hochwürdigsten Erzbischofam Ende deö Monates meine Arbeit, und ich hoffe von derselben mehr Frucht undNutzen für den Weinberg des Herrn, als von vielen, vielen Missionen. Gott ver-leihe dazu seinen gnadenreichsten Segen!

Ich gab hierauf noch an vier Kirchen der Erzdiöcese Cincinnati die Mission,nämlich in der hl. Josephkirche zu Ccmal Dover, in der Kirche Johannes von Gott ,Mariä Himmelfahrt zn Mansches un.'> in der hl. Xavicrkirchc zu Lodi. In dieserletzten Gemeinde trug sich ein merkwürdiger BekehrungSfall zu. Man fragte, wo ichwohnen wolle, da zunächst der Kirche kein Katholik wohne, bei dem ich verweilenkönne, ausgenommen ein bloßer Nameukathvlik, ein sonst geachteter Mann, der aberschon dreißig Jahre nicht mehr gebeichtet, eine protestannsche Frau geehelicht habeund seine Kinder protestantisch erziehen lasse. Kein Priester sey deshalb jemals mehrin sein Haus gekommen. Ich erwiderte:Gerade daS ist der Mann, bei dem ichWohnung nehmen will." Ich dachte mir, durch dieses Zeichen von Freundschaft undWohlwollen werde ich daS Herz des Unglücklichen für mich stimmen, und so vielleichtseine Seele gewinnen. Ich hatte mich nicht getäuscht. Durch diese meine freund-liche Nähe nnd Auszeichnung gewonnen, trug er sich schon am ersten Tage zur heiligenBeicht an, und versprach alle seine Kinder katholisch erziehen zu lassen. Ich taufteselbst einen erwachsenen Knaben. Sein Weib zeigte gleichfalls große Geneigtheit, sichzur heiligen Kirche zu bekehren, was auch, wie ich hoffe, geschehen wird. Ueberdießlud der Mann, da er Vermögen besitzt, Alle, die wollten, täglich zur offenen Tafel,namentlich die zn weil wohnten, um zum MittagSmahle nach Hause zu gehen, welcheEinladung auch Viele beuütztcn. Ich dankte Gott , daß ich folgend dem Beispieledes Schntzpatrones dieser Gemeinde, des heiligen Tavcrius, einen Lazarus in seinemGrabe aufgesucht und mit Gottes Beistand glücklich wieder zum Leben der Gnadeerwecken konnte, gewonnen durch Milde und Zuvorkommenheit von meiner Seile.

Es nahete nun die Zeit der Einweihung der Kathedrale zu Milwaukie inWisconsin . Der hochwürdigste Bischos Henni lud mich ein derselben beizuwohnenund dem deutschen Klerus seiner Diöcese zugleich zur selben Zeit die heiligen Erercitienabzuhalten. Auf meinem Wege dahin passirte ich die Diöcese Chicago und gab inzwei Gemeinden die heilige Mission; nämlich in der St. Marienkirche zu LuffaloGrove, und in der St. Josephökirche zu M. Henry. Die Priestererercitien ju Mil-waukie wurden von dem deutschen KieruS mit dem größten Eifer benützt. KeineDiöcese der Vereinigten Staaten hat so viele deutsche Priester, besonders aus Oester-reich und Bayern, als Wisconsin . Man erinnert sich in dieser Diöcese sehr lebhaftan das alte Vaterland. DaS fchönstc Anzeichen, mit welchem Segen diese Priesterden geistlichen Uebungen beigewohnt, gab ihr Entschluß, den sie am Ende derselbengesaßt, nud der nun wirklich durchgeführt wird: nämlich ein Knabenseminar für dieHeranbildung von Geistlichen zu stiften, wozu dieselben, obwohl selbst arm, meines