Ausgabe 
14 (30.7.1854) 31
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Die Schwestern der Armen.

In Frankreich , jenem Lande, welches in diesem Jahrhundert so manche neueOrdensgesellschaften und religiöse Vereine auf seinem Boden entstehen und wachsensah, hat in der letzten Zeit eine neue Genossenschaft sich gebildet, der schon jetzt,einige Jahre nach ihrem crsnn ganz unscheinbaren Beginne, ein höchst wohllhätigerEinfluß auf das sociale Leben nicht bestritten werdni kann, und der eine große, geseg-nete Zukunft bevonnstehen scheint. Es ist das jener, nun schon in vielen StädtenFrankreichs verbreitete Verein von Jungfrauen, die den demüthigen NamenSchwesternder Armen" führen, uud die die Pflege alter, hilfloser Personen beiderlei Geschlechtessich zur einzigen Lebensaufgabe gestellt haben. Wenn zwar auch andere Orden, wiez. B, die barmherzigen Schwestern, neben den übrigen Zwecken, die sie verfolgen, dieVerpflegung hilfloser Greise und Greisinnen in den Kreis ihrer frommen Wirksamkeitziehen, so ist doch die Art und Weise, in welcher diese Verpflegung von denSchwe-stern der Armen" bewirkt wird, eine neue und eigenthümliche. Die bisherige Ge-schichte und Entwicklung der Genossenschaft ist so ganz geeignet, einerseits, die bekannteWahrheit zu erhärten, daß Gott zur Beschämung der Welt das, was in ihren Augenklein ist, erwählt, um Großes, wunderbar Großes dadurch ins Werk zu setzen,andererseits, um die Macht und daS Walten der christlichen Liebe in einem neuenund herrlichen Lichte uns vorzuführen. Auch erfreute sich die neue Genossenschaft vomAnfange an des besondern göttlichen Schutzes und Beistandes, und in immer reich-licherm Maaße hat der Himmel bis heute seine Segnungen über sie ausgeschüttet.DaS AlleS läßt uns hoffen, daß unsern Lesern die folgenden Mittheilungen, die wirfranzösischen Berichten entnehmen, nicht unwillkommen seyn werden.

<Sin junger Priester, Vicar zu Samt-Servau, einem kleinen Seehafen unweitScn'nt-Malo an dem Kanal, der Frankreich von England trennt, bemerkte mit weh-müthiger Theilnahme die große Zahl alter Leute, die in seiner Gemeinde ohne geeig-nete Hilfe in einem traurigen, für Leid und Seele verderblichen Zustaude der Ver-lassenheit sich befanden. Vorzugsweise groß war zu Samt - Servan die Zahl derFrauen, deren Männer auf der See ihren Tod gefunden (die Einwohner dcS Städt-chens sind größtentheils Seeleute) und die als Wittwen ihre alten Tage in äußersterDürftigkeit verlebten. Er fühlte sich mächtig angetrieben, diesen Unglücklichen zu Hilfezu kommen, und theilte seine Gedanken zwei jungen Arbeiterinnen mit, die durchGottesfurcht und warme Nächstenliebe sich auszeichneten, obwohl die eine erst sechzehnund die andere achtzehn Jahre alt war. Sie gingen auf seinen Plan ein; eS wurdeeine kurze Regel entworfen und die junge Genossenschaft stellte sich unter den Schutzder unbefleckten Jungfrau, des heiligen Augustinus und deS heiligen Joseph. Nach-dem dieser erste Schritt gethan, wartete man ruhig, bis Gott den von ihm auSersehe-nen Zeilpunct zum Beginne deS Werkes bezeichnen würde. DaS dauerte denn auchnicht lange. Gegen die Mitte des JahreS 1838 hatte der Abb6 Le Pailleur sohieß der Vicar von Saint-Servan znerst jenen Plan gefaßt, und am 15. October1840, dem Tage, an welchem die Kirche daS Andenken der heiligen Theresia feiert,begaben die beiden frommen Mädchen sich zu einer blinden Person von 78 Jahren,die durch den Tod ihre Schwester verloren hatte, welche für sie beide den Unterhalterbettelte. Sie trugen sie auf ihren Armen zu einem Dachstübchen hinauf, welchesein ehemaliges Dienstmädchen von 48 Jahren, Namens Johanna Jugan , bewohnte,die mit Wollspinnen ihren Lebeiiöunterhalt gewann. Dieselbe war immer gut undfromm gewesen, uud nahm nicht allein das seltsame Geschenk bereitwillig an, sondernvereinigte sich auch mit den beiden Mädchen jn dem frommen Werke und beschloß,sich demscli'm ganz zu widmen. Bald nachher nahmen sie noch eine zweite brave undgleichfalls sehr betagte Frau auf, die an den Füßen gelähmt war. Johanna Jugan wandte uun den beiden Pfleglingen ihre ganze liebevolle Sorgfall zu, und die beidenjungen Mädchen arbeiteten bis tief in die Nacht, um die bedeutend vermehrten Aus-gaben für den Unterhalt von fünf Personen lestreiten zu können. Zu ihrem Ver-