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kann, mich seiner Worte hier getreu zu bedienen, zumal die spätern Erzähler dieserBegebenheiten sich ganz an Adlzreiter halten. Derselbe erzählt am angeführten Orte:„In diese Zeit (ungefähr in die Jahre 760—780) fällt das Leben dcS frommenGamelbert, welches Wolfgang Seiender, Abt vom Kloster St. WenzeölanS zu Branuauin Böhmen, nach einer alten Handschrift des KlvsterS St. Emeram in RegenSburg beschrieben hat. Gamelbert war zu MichclSbuch in Bayern von vornehmen, reichenund frommen Eltern geboren. Als derselbe in der Schule die Ansan^Sgründe derWissenschaften erlernte, bestrebte er sich so sehr eines heiligen Lebenswandeis, daß ersorgfällig die Spielereien seiner Altersgenossen vermied. Er besaß die besten Anlagen,einen feurigen Geist, ein edlcS Gemüth, welches nur zu Großem geschaffen zu seynfchien. Kaum war der junge Gamelbert den Knabenjahrcn einwachsen, als ihn seinVater schon dem damals bei dem Adel allein beliebten Kriegerstanste widmete, in derMeinung, er babe einen Sohn, der in seiner Ahnen Fußstapfen nach Reichthümernund Ehren trachte. Aber diese Laufbahn entsprach dem sausten Geiste des Knaben sowenig, daß er nicht einmal an den hölzernen Schwcrtchen und dem übrigen kriegeri-schen Spielzeuge seiner Jugendgefährten Gefallen fand. Der Vater sah mit Unwillendeö SohneS unkriegerischen Sinn, und übertrug ihm die Hut der Hecrde. Der Knabeergriff dieses Geschäft mit Liebe, weil es ihm Gelegenheit gab, ferne von den häus-lichen Unruhen recht ungestört seinem Gotte zu leben. Als er einst mit seiner Heerveauf dem Felde war, geschah eS, daß er einschlief und beim Erwachen auf seiner Brustein unzweifelhaft von Engelshand hingelegtes Buch fand, ein sicheres Zeichen deSgöttlichen Willens, daß er nicht zum Viehhüten, sondern zur Gesellschaft der weisenMännerberufen sey. Ais er von seinem Vater die Erlaubniß erhalten hatte, verlegteer sich auf die Erlernung der Wissenschaften, vorzüglich derjenigen, welche den Geistzu Erkenntniß der himmlischen Dinge fähig machen. Er machte in kurzer Zeit großeFortschritte in der Tugend, lernte die Zunge bezähmen, den eigenen Leib durch Ab-tödtung züchtigen, die Reinheit der Seele in Ehren halten, die Unschuld gegen dieNachstellungen schamloser Weibsbilder bewahren, so daß er die Blüthe der Jungfräu-lichkeit, von keiner Versuchung vcrsehrt, bis zum letzten Leben«?hauche erhielt. Ererhielt die heiligen Weihen des PriestcrthumS, verlor bald darauf seinen Vater underhielt bei der Theilung des ErbeS seinen Geburtsort sammt der Kirche, in welcherer nun mit der größten Liebe gegen die Untergebenen allen Pflichten eincS eifrigenSeelsorgers ans das gewisstnhasteste oblag. Von dem Empfange der christlichen Wei-den an enthielt er sich mehr als fünfzig Jahre lang von allen Fleischspeisen und ver-theilte alle Einkünfte seines reichen ErbeS unter die Armen. Er war von einer sogroßen Liebe gegen alle, selbst die unvernünftigen Geschöpfe, erfüllt, daß er einge-rastete Vögel loSkanfle und ihnen die Freiheit schenkte. Bei unfreundlicher Witterungschick e er seine Leute nie hinanS zur Arbeit, und wenn einer erkrankte, ließ er ihmalle mögliche Sorgfalt angedeihen Als er so bereits siebzig Jahre all war, pilgerteer nach Rom und kam auf der Rückreise an der Gränze von Italien in ein Dorf,dessen Priester eben abwestno war. Als er sich dort ein wenig erholte, brachte manihm ein eben geborenes Kind zur Taufe; er taufte dasselbe, gab ihm den Namen Uttound ermähnte die Eltern, den Knaben sorgfältig im Christenchume zn erziehen. „DerKnabe, so >ügte er bei, wird einstens mein Sohn und Erbe seyn; schicket ihn also,wenn es einmal sein Alter zuläßt, zu mir, uud damit ihr meinen Aufenthalt nichtvergesset, schreibe ich Euch Ort und Gegend genau auf." Wieder in der Heimalangekommen, verließ er, um für eine kleine Neugierde, die ihn etwa auf seiner Reisebefiel, abzubüßen, sein großes und schönes väterliches HauS, bezog eine elende Hüttenahe bei der Kirche, steckte vier Kreuze nach den vier Weltgcgeudcn iu die Erde undüberschritt diesen Kreis nie mehr, als einmal, da er schon zum bluligen Kampferüstende Feinde trennte und nicht eher entließ, als da sie ihre Freundschaft erneuerten.Bei seinen Untergebenen duldete er keine Uneinigkeiten, und wenn sie auf sein Zuredenihre Zwiste nicht aufgeben wollten, so schenkte "er ihnen die Freiheit mit dem Befehle,das Land zu bebauen, indem er es für gerathener hielt, ohne Diener zu seyn, als