Ausgabe 
14 (6.8.1854) 32
Seite
254
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

254

und wir hoffen dieß zu können. Die christliche Nächstenliebe in ihrem weitesten Um-fange, sie ist unser Feld; Waisen- und Pfründneranst.ilten, Rettuugs- und Armen-häuser und die Spitäler sie sind unsere Herberge; wo Elend und Jammer, Noth undUnglück, da ist unsere Heimat, so lautet unsere Bestimmung."

Schließlich erwähnen wir noch der Anerkennung und des DankeS, den derSpitalarzt zweien seiner Wärterinnen zollte, welche er dem Orden zur Beibehaltungvorführte und der Gegenwart des protestantischen Herrn Stadtpfarrers Dccan Bauer,welcher die barmherzigen Schwestern begrüßte und ihnen seine Glaubensgenossen herz-lichst empfahl.

Die Frau Oberin entgegnete hierauf den freundlichen Worten mit Hinblick aufdie Statuten ihres Ordens, wonach allen Kranken ohne Unterschied des Glaubensgleiche Pflege gespendet werden müsse, und versicherte, daß Friedfertigkeit, Toleranzund Verträglichkeit mit ihrer Dankbarkeit gewiß Hand in Hand gehen werde. Es istbedauerlich, daß Herr Decan Bauer sich abhalten ließ, auch einige Worte, wie erbeabsichtigte, zur Feier des Tagei zu sprechen. Dieselben wären gewiß mit großerFreude und Anerkennung aufgenommen worden und hätten noch mehr beigetragen,nach allen Seiten hin daS erhabene Fest als ein Fest deS Friedens, der Nächstenliebeund der Versöhnung zu charakttrisiren, welche nunmehr mit GotteS Hilfe und nach demWillen deS großen Fürstbischofs Franz Ludwig von Erthal ihre bleibende Wohnstättein unserer herrlichen und hochberühmten Anstalt aufgeschlagen haben werden.

Priesterrache.

An der Thüre einer Kirche in Paris fand sich schon seit einer Reihe von Jah-re» täglich ein alter Bettler ein, den man unter dem Namen deSalten Jakob"kannte. Er Pflegte sich auf einen Tritt vor der Kirche zu setzen, um sein Almoseneinzusammeln. Er saß da traurig und finster, sprach fast nie und nickte nur zumDanke, wenn man ihm etwas reichte Ein vergoldetes Kreuz sah man auf seinerBrust, wenn die Lumpen sich ein wenig bei Seite schoben. Ein junger Priester,Paulin mit Namen, pflegte in derselben Kirche die h-ilige Messe zu lesen und unter-ließ nie, dem armen Jakob seine kleine Gabe zu reichen. Von einer reichen undadeligen Familie entsprossen, hatte er sich als Priester Gott ganz geweiht und legtesein ganzes Vermögen in den Schloß der Armen und Unglücklichen. Ohne ihn weiterzu kennen, liebte der alte Jakob ihn sehr. Eines TageS sah Paulin den alten Jakobnicht mehr an seinem gewöhnlichen Platze und bemerkte, daß er längere Zeit hindurchnicht mehr erschien DaS beunruhigte ihn und machte ihn um seinen alten Schützlingbesorgt; er erkundigte sich nach seinem Aufenthalte, und eines Tages nach der heiligenMesse nahm er seinen Weg der Wohnung deS Allen zu. Er klopfte an die ThüredeS Dachstübchens; eine schwache Stimme antwortete; er trat ein und fand Jakobkrank in seinem Bette odcr vielmehr ans seinem elenden Lager, bleich mit erloschenemAuge. ,,^!ch! sind Sie das, hochwnrdigcr Herr?" rief er, als er den guten Priestererkannte.Sie sind ja sehr gütig, zu einem so elenden Menschen zu kommen wie ichbin. DaS verdiene ich nicht."Was sagst du, Jalob," antwortete Paulin,weißtdu nicht, daß der Priester der Freund der Unglücklichen ist? UebrigenS," setzte erlächelnd hinzu,sind wir auch noch alte Bekannte."Ach, mein Herr! wenn siewüßten . . . wenn Sie mich kennten . . . wahrhaftig, sie würden nicht so mit mirsprechen! . . . Nein, nein, sprechen Sie nicht so gütig mit mir; ich bin ein Elen-der .. . von Gott und Menschen verflucht. . . ."Von Gott verflucht? was fälltdir ein? Ach, armer I lob, sprich doch solche Dinge nicht; wenn du Uebels gethanhast, so bereue es und beichte; Gott ist ja die Güte selbst, dem Reuigen verzeiht erAlles."Ach nein! mir, mir wird er nicht verzeihen!"Nun, warum dennnicht? Hast du etwa keine Reue?"Ob ich Reue habe! ob ich Reue habe!" schrieJakob laut, indem er sich erhob und verstörten Blickes umhersah.Ob ich Reue