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habe! — Ja, ja, ich bereue eS — dreißig Jahre bereue ich eS . . . und dennochbin ich ein Verfluchter. . . ," Der gute Priester suchte ihn zu trösten und zu ermn-thigen, aber vergebens. Ein schreckliches Geheimniß lag in der Tiefe seines Herzensverborgen und die Verzweiflung hinderte den Unglücklichen, sein Verbrechen zu offen-baren. Endlich jedoch, durch das sanfte und gütige Zureden des Priesters überwun-den, entschloß sich der unglückliche Jakob und erzählte mit halb erstickter StimmeFolgendes:
„Während der blutigen Revolution im vorigen Jahrhundert hatte ich die Auf-sicht über ein Schloß einer reichen Familie. Meine Herrschaft war die Güte selbst. . . der Graf, die Gräfin, ihre beiden Tochter und ihr Sohn. . . Ich verdankteihnen Alles: meine Stellung, meine Erziehung, und den guten Tag, den ich bei ihnenhatte. . . AIS aber die SchreckenSregicrung kam . . . da . . habe ich sie — ver-rathen! Sie waren versteckt, ich wußte, wo! . . Ich zeigte sie an, nm ihre Güterzu gewinnen, die man den Angebern verhieß . . Und — sie wurden zum Tode ver-dammt, Alle bis auf den kleinen Panlin, der noch zu jung war." Hier schrie derPriester unwillkürlich laut auf und der kalte Schweiß rann von seiner Stirn. „AchHerr, fuhr der alte Bettler, der die Aufregung des Priesters nicht bemerkte, fort, eSist schrecklich! ich hörte ihr TodeSurlheil mit an, sah alle vier auf den Karren werfen,sah — ach mein Herr! sah, wie ihre Köpfe unter dem Mordbeil vom Rumpfe fielen!Ungeheuer, der ich bin! Und seit dieser Zeit habe ich weder Ruhe noch Rast. Ichweine, ich bete für sie. Ich sehe sie täglich vor meinen Augen. Sehen Sie, dasind sie, unter dieser Leinwand. . . ." Indem er dieß sagte, zeigte er mit zitternderHand ans einen Vorhang, der einen Theil der Mauer verschleierte. „Dieß Kreuz,was Sie an meinem Bette sehen, war baS vom gnädigen Herrn. . . . Dieß kleinegoldene Kreuzchen, was ich bei mir trage, trug ehedem beständig die gnädige Frau. . .O mein Gott! welch ein Verbrechen! welch ein Entsetzen! welch ein ReueschmcrzIAch, hochwürdiger Herr, haben Sie Mitleid mit mir! stoßen Sie mich nicht von sich!beten Sie für mich, den größten Verbrecher und den Unglücklichsten der Menschen-kinder!!!" Der Priester lag neben dem Lager auf seinen Knieen, blaß wie der Tod.So blieb er fast eine halbe Stunde. Dann stand er auf voll Ruhe, machte dasZeichen deS heil. Kreuzes und zog den Vorhang hinweg und sah zwei Porträts. . . .Jakob stieß einen Schrei aus, als er sie sah und warf sich auf sein Bett zurück.Der Priester weinte. „Jakob", sagte er mit bebender Stimme, „ich werde dir vonSeite GotlcS Verzeihung bringen; ich will deine Beicht hören." Mit diesen Wortensetzte er sich neben das Bett und der alte Jakob beichtete, Ais der Sterbende zuEnde war, sagte Paulin zu ihm: „Jakob, der liebe Gott hat dir verziehen; aberdaö ist noch nicht Alles, auch ich verzeihe dir ans Liebe zn ihm. Denn die du zumTode gebracht hast, waren . . . mein Vater, meine Mutter und meine beiden Schwe-stern!!" Dem Jakob standen die Haare zu Berge, er öffnete seine Lippen, stammelteeinige unverständliche Worte — er sank auf sein Betr. Der Priester trat näher.Der Bettler war todt.
Etwas aus dem Kapitel über christliche Lebens-Anschauungen.
AuS Niederbayern . In jedem ächten Bauernhanse gilt das Brod eigentlichund zunächst als Gabe GotteS . Wie das Leben selber für ein Geschenk GvlteS ange-sehen wird, eben so wird auch das Brod, weil eS das allgemeinste und vorzüglichsteLebensrnittel ist, als eine Gabe GotteS verehrt. Nicht allein in jenem allgemeinenSinne, in welchem auch Gräser und Kräuter und alles Erschaffene Gaben GotteSheißen; sondern in einem viel höheren und ausschließlicherem Sinne wird daS Brodals solche verehrt. Schon die kleinen Kinder werden angehalten, daS Brod so zuverehren. Wenn ein Bauernkind irgend eine andere Speise verschmäht oder auSschlägt,so wird eS auf seinem Willen belassen; wenn eS aber Brod verschmäht, so wird ihm