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das als eine Verunehrung GotteS ausgelegt. Wenn ein solches Kind in seinem Un-verstand etwas Anderes wegwirft, und wäre eS selbst ein Geldstück, so wird eS obseines Unverstandes verlacht. Wenn eS aber ein Stücklein Brod wegwirft, so wirdeS wie wegen Verletzung einer religiösen Pflicht bestraft. Auö religiöser Scheu nimmtsich ein Banernkind in Acht, daß ihm keine Brosamen auf den Boden fallen oderliegen bleiben. Zu dieser Werthschätzung des BrodeS sind die alten, frommen Bauers-leute wohl dadurch gekommen, weil sie bemerkten, daß der Erfolg beim Getreidbauzum größten Theil der freien Thätigkeit des Menschen entrückt und der Fügung oderZulassung Gottes vorbehalten sey. ES ist schon in manchen Jahren Getreide genugaus den Feldern gestanden und doch im Lande Noth gewesen, weil dem Körnlein dienährende Kraft vermindert zu seyn oder ganz zu fehlen schien. Wieder in andernJahren steht ohnehin schon wenig auf den Feldern, obgleich der Bauer im BestellendeS Feldes an Fleiß und Arbeit nichts hatte fehlen lassen. DaS Meiste und Wich-tigste hängt also hiebei offenbar von dem Segen und Gedeihen ab, welches Gott gibt.Daher gilt dem Bciucr Getreide und Brod zunächst und eigentlich als Gottes Gabe.Und gewiß ist diese Werthschätzung eine christliche. Ein entschiedener Gegensatz undWiderspruch gegen diese Werthschätzung ist aber darin zn finden, wie unsere Zeitungenihre Ernteberichte bringen. Ohne Vertrauen auf Gott , ohne Gebet zu Golt sprechensie zuvor schon ihre Hoffnungen, Erwartungen oder Befürchtungen auS; ohne Dank-sagung gegen Gott berechnen sie darnach die Brodpreise; kurz: Getreide und Brodsind ihnen Handelsartikel, nicht mehr uud nicht weniger, und stehen in keinerlei Be-ziehung zu Gott . So gewiß nuu jene Werlhschätznng der Bauersleute als einechristliche gelten muß, eben so gewiß verdient diese Berichterstattung in den Zeitungenals unchristlich bezeichnet zu werden. Damit wollen wir jedoch keineswegs irgendeinem Berichterstatter oder einem Redacteur die Absicht unterschieben, als wollten sieunchristliche Ansichten verbreiten. Vielmehr ist anzuerkennen, daß hierin nur ganzunvermerkt, und in so weit schuldlos, der christliche Sprachgebrauch und die christlicheAnschauung der unchristlichen gewichen ist. Im öffentlichen Leben hat man sich nämlichganz gewöhnt, überall von der Sache ab und nur auf ihren abstracten Geldwerthhinzusehen. Nirgends gilt die Sache als Sache, sondern nur nach ihrem Geldwerth.In Geld sind die Besoldungen der Beamten angesetzt; Geld ist der erste und nächsteErwerb der meisten Städter; die Männer des Kapitals und der Industrie rechnendurchaus nur u. ch Geld und treten auf keiner andern Grundlage mit dem Landinannin Verkehr; selbst die Reichnisse, welche der Bauer zu geben hatte, wurden beseitigetund in Geld ve> wandelt. So hat sich daS Geld auf den ersten Platz hinaufgeschwun-gen; Gelreid und Brod aber stehen nach und unter dem Gelde. DaS Gels ließsich uicht mehr so unmittelbar als eine Gabe und Geschenk GotteS behandeln; undhinwiederum Getreid und Brod, nur mehr auf der zweiten Sluse stehend, schienenauch ihrer Würde entsetzt zu seyn. Man sprach von Getreid und Brod als vonHandelsartikeln und Gegenständen der Spekulation, weil die ganze Richtung der Zeitdieses so mit sich brachte; und die Eigenschaft des Getreioes, nächste und eigentlicheGabe Gottes zu seyn, kam unvermerkt außer Acht. Wir fühlen uns jedoch in unsermchristlichen Glauben gedrungen, gerade ans diese Eigenschaft des Getreides und Brodeswieder aufmerksam zu machen. Und die Zeiten, in denen, ohngeachtet des alljährlichenJnbelS in den Zeitungen über Reichthum und Ueberfluß, doch Noth und Theuerungim Lande ist, könnten yiezu ebenfalls anleite». Gewiß, wenn wir die GabeGotteS wieder einmal als göttliches Gnadengeschenk schätzen lernenund nicht eher, wird unS Gott auch wieder Segen und Gedeihen dazu geben. Unddiese Werthschätzung sollte auch in Ernteberichten und dergleichen ihren LiuSdruck finden.(Bayer. VolkSbl.)
Verantwortlicher Redacteur: L. Scheuche».
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