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Vorlängst der Vergessenheit verfallen sind die GeisteSkinder jener Zweifler, welchemit den Waffen der Kritik die Geschichte des Christenthums angegriffen, indem sieseine göttliche Sendung bestritten, seine wunderbare Ausbreitung, den Sieg über dasHeidenlhum und die alte Welt aus einer natürlichen Verkettung der Zeitverhältnisseherleiteten und die Triebfeder des Flammeneisers und der Hinopferung seiner frommenGlaubenshelden in der menschlichen Eitelkeit unv Ruhmbegierde erblickten.
Diese Angriffe, welche die durch die Reformation dem Autoritätsglauben ent-wachsene Neuzeit gegen die Lehren und die Geschichte deS Christenthums richtete, warenmehr wegen ihrer Anmaßung tadelnSwürdig, als daß sie geschickt waren, Triumpheselbst nur über die Confessionskirchen zu erringen. Hier erwehrte man sich der Frei-denker uud ihrer Doctrinen durch strenge Glaubensformeln, welche den Predigern unddem Volke die Norm der Lehre und des Glaubens vorschrieben.
Da erhob sich noch einmal der Lügengeist, ärger denn vorher, und stürmte mitden der Rüstkammer der Hölle entnommenen Waffen des Hohnes und Spottes gegendie alte Kirche los. Es war das Zeitalter des VoltäraniSmuS und der Encyklopädie,das Frankreich , das Land des Witzes und der Mode, zur Wiege hatte, aber auchin Deutschland an einem großen Könige und vielen Gleichgesinnten seine Verehrergefunden hat.
Noch lebte aber der gute alte Gott, der nicht lange sich höhnen und spottenließ. Ein Blutgcricht, fürchterlicher als je eineö, das über ein Volk erging, amblutigsten in der Metropole deS Wahnwitzes und der Gotteslästerung, decimirle dievornehme Gesellschaft. Ihre Häupter sanken unter den Händen des souveränen Volkes,dem sie Aergerniß in Unglauben und Schande gegeben; ich sage lieber unter demWort deS strafenden und rächenden Gottes, dessen allmächtige Politik auch zuließ,daß später noch ein deutscher Großstaat, die Schöpfung jenes großen Königs, welcherdem französischen Götzen opferte und seinen Hohenpriester hätschelte, von den Streichendes fränkischen Eroberers zusammenbrach.
Wohl so hat die philosophische Phrase ihre Wahrheit: Die Weltgeschichte istdas Weltgericht.
Gestatten Sie, meine Herren, diese Erinnerung an die Verirrungen und Leideneines jetzt zur Ruhe eingegangenen Geschlechts — es zählt wenige mehr unter denLebenden —; vierzig Friedens- und Segenöjahre haben sie dem Gedächtniß der Söhneund Enkel entrückt.
Mit dem Verschwinden der sichtbaren Spuren jenes Gottesgerichts scheint all-mälig auch der Glaube an eine döhere Fügung solcher Katastrophen von Großen undNiedrigen zu weichen, das Gefühl der Abhängigkeit des endlichen Geschöpfes vondem unendlichen Gotte, der innigen Beziehungen beider zu einander unbehaglich zuwerden.
Darf auch der Unglaube und GotteSsrevcl nicht keck und unverhüllt heraustreten— daS wäre polizeiwidrig —; so wird der aufmerksame Beobachter, welcher die Ge-sinnungen nicht nach den gleißenden Formen äußerlicher Schicklichkeit beurtheilt, sichkeiner Täuschung hingeben, und wer kann sich einer schlimmen Ahnung erwehren beider Erinnerung an die Auöbrüche der Vermesseuheit in jenen Tagen, als der Sturmüber das morsche StaatSgerüste hinbrausle, oder beim Anblick der gräßlichen Ver-brechen, welche unsere Jugend in die Kerker und auf daS Schaffst liefern!
Jedes Zeitalter bei den Culturvölkeru trägt einen gewissen allgemeinen Charakter.
Nicht dem Born der Phantasie oder den Tiefen deö Gemüths entsteigen dieSchöpfungen der Jetztzeit.
Der Mensch hat sein Inneres sich selbst und Andern verschlossen, den Schlüsselzu sich genommen, und lebt ganz in und für die Außenwelt.
Um da sein Glück zu machen, braucht er nur seinen Kopf, und geht'S mitrechten Dingen nicht, geht's — eine Zeitlang wenigstens — mit unrechten.
Die Regel, auf welche Gott die Ordnung im Leben deS Einzelnen und derVölker gegründet hat, beruht aber auf einem gleichmäßigen Gebrauch der Seelenkräfte;