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der menschliche Wille darf nicht allein das Gesetz von den Berechnungen deS Verstan-des empfangen.
Wir fürchten nicht, ob dieser Andeutung unsers GesellschaftSzustandes den Vor-wurf zu scharfen Tadels auf uns zu laden.
Gar manche Erscheinung, welche wir so häufig beklagen und sonst vergebens zuerklären suchen, hat ihren letzten Grund in dieser Zeitrichtung.
Was leitet denn zu unserer modernen Erziehung in Familie und Schule, welcheden möglichst großen Kreis deS Wissens als den höchsten Zweck deS Unterrichtsbetrachtet, und Gift von Gift den Stolz mir der Oberflächlichkeit der Nielwifserei indie frühreifen Jünglinge pflanzt?
Wem entspringt diese Leidenschaft im Erwerb und Genuß zeitlicher Glücks-güter; diese Herabstelluug deS Individuums auf den jeweiligen CurSwerth dessen, waseS besitzt, oder mit Kopf und Händen seinem Brod- und Arbeitgeber zu nützen vermag?
Woher dieses Ausspüren der Natur und ihrer geheimen Kräfte ohne AufschwungdeS forschenden Geistes zu seinem und ihrem Schöpfer; woher diese Vergötterung derLeistungen für daS materielle Leben und die Gleichgiltigkeit für die höhern Interessender sittlichen und religiösen Volkspflege?
Woher endlich die affectirte Geringschätzuug und die Vornehmthuerei gegen jedereligiöse Anschauung; diese sinnliche Auffassung im Reiche der Kunst und Wissen-schaft, und — was ist das Tagesgeschrei nach geistiger Freiheit als der AusdruckdeS innern EmancipationSprocesseS, wo der menschliche Geist der Verbindung mit demGöttlichen und Ewigen sich zu entäußern sucht?
Zwei Erscheinungen sind cS in der heutigen Staatsgesellschaft, deren Gefahrenfür diese auch dem blödesten Auge offeu liegen, deren Ergründuug und Beseitigungdaher Männer vom Fach ernstlich beschäftigen mußte.
Es ist die Ueberhandnahme der Verbrechen und die steigende Verarmung, beidesbis herauf in die höhcrn Schichten der Gesellschaft.
Es bedarf in der That nicht einer tiefern Einsicht, um den Ursprung und deninnern Zusammenhang dieser Plagen unserer Civilisation zu erkennen. Beide sindTöchter derselben Mutter — der Irreligiosität, der sittlichen Verkommenheit und derAbwendung des Menschen von Gott .
Und doch sucht mau die Quelle dieser Leiden wieder nur auf der Oberfläche:sieht den Ursprung der Verbrechen in der Neigung der Jugend zur Mißhandlung derThiere, unv schreibt über die brennende Frage des PauperismnS — gelehrte Abhandlungen.
Wir stehen heute, am Feste des heiligen Vincenz von Paul , unsers Vorbildesin christlicher Milde und Barmherzigkeit, wieder zusammen vereiniget und gestärkt imAusblick zu Gott, und darum unbeirrt und nnenlmuthiget durch die Verirrungen undGefahren der Zeit; wir stehen auf dem Boden unserer heiligen Kirche, des ChriftuS-felftnS unv Ecksteins, den die Bauleute verworfen haben.
Dieser Verein, in seiner einfachen Gestaltung, seinen Verbindungen und Be-strebungen, erinnert an ähnliche Einrichtungen der ersten Christengemeinden, wie siediese in ihren Grundzügen schon von den Aposteln empfingen.
Jene christlichen Anstalten zur Linderung der leiblichen und geistigen Nolh, werkennt sie nicht nnd ihre Segnungen, welche sie über die Welt verbreiteten? Sind sieauch, diese köstlichen Früchte deS milden christlichen Sinnes, einer wahnwitzigen Auf-klärung zur Beute geworden, noch steht der Weitschattende Baum, der aus dem Senf-korn erwuchs, unberührt von den Stürmen der Zeit, noch lebt das Wort der Chri-stuölehre und suhlt manches katholische Herz warm für das Elend seiner Brüder.
Auch unser streng katholischer Verein — vergessen wir des Zeichens nie —ist unter dem Scharten jenes BaumeS groß geworden; groß auS kleinen Ansängennnd mit geringen Mitteln, groß ohne den Beifall und die Unterstützung der Mäch-tigen, lange nur bekannt der Armuth, deren Thränen er jetzt in fast allen Ländernder Erde trocknen hilft. Ja, Gottes Segen und Wohlgefallen ruht sichrbarlich aufdiesem Verein!