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In einem Brief kannst du höchstens noch einen Armen oder einen Bauern mitdem schönen alten „Gott zum Gruß!" anreden, der Bürger würde darüber schondie Nase rümpfen, die vornehme Welt aber würde diesen Gruß als die größteFlegelei oder als Wahnwitz auslegen.
Zum nießenden Armen oder Dienstboten, Bauern zc. kannst du meinetwegen nochsagen: „helf Gott !" zc., zu einem Bürger schickt sich schon sast nichts anderes mehr,als „zum Wohl," zu einem Halbgebildeten „zur Genesung;" der ganz Gebildetenimmt und gibt diesen Wunsch längst nicht mehr, da er „zu gemein" ist.
Wenn der Arme und Niedrige ißt, so kannst du zu ihm noch sagen: „gesegn'SGott !" zum Bürger und Mittelftändler mußt du schon sagen: „guten (oder besten)Appetit!" Der Gebildete aber verschmäht schon längst Geben nnd Hinnehmen dieses„altvä terischen" Wunsches.
So schreiten wir auf der Bahn der Civilisation vorwärts!
Kirchliche Notizen.
Turin . Die auS ihrem Kloster vertriebenen Karthäuser von Collegno habenin der „Armonia" folgende Protestation veröffentlicht: Am 10. laufenden MonatsAugust, während die unterzeichneten Väter der Karlhause von Collegno ihrer Ordens-regel gemäß beschäftigt waren, und in Abwesenheit ihres Obern, drang die bewaffneteMacht in ihre Wohnung ein. Nachdem sie den Pförtner überrumpelt, trieb sie dieVäter gewaltsam hinaus, von denen einer seit einem Monctt krank war und eben erstdrei Aderlässe und eine Blutigelanlegung ausgestanden hatte. Sie ließ ihnen keinenAugenblick Zeit, um ihr persönliches Mobiliar mitzunehmen, und schloß die Kirche,um sie an der Wegnahme der heiligen Zierralhen zu hindern. Inzwischen verbreitetensich einige von den Eindringlingen und andere den frommen Bewohnern von Collegnoganz fremde Personen im Kloster, und raubten werthvolle Gegenstände, unter andernWein und Eßwaaren. Die Väter der Karlhause von Collegno waren einige Tagevorher aufgefordert worden, ihre eigene Wohnung abzutreten; da sie aber diesem Ge-such nicht willfahren konnten, ohne zuvor den Befehl ihrer Obern einzuholen, so wurdeihnen wie billig aus ihre Bitte die nöthige Zeit gewährt, um diese Erlaubniß einzu-kommen. Aber plötzlich vertrieben, und jetzt bei einer frommen Person versammelt,ohne deren christliche Liebe sie mitten auf der Straße lägen, protxstirten sie hiermitvon neuem schriftlich, wie sie schon feierlich und mündlich prolestirt haben, währendsie die Befehle ihrer Obern abwarteten, und erhoben sich vor der bürgerlichen Gesell-schaft PiemontS, vor dem katholischen Piemont, wider eine so ungeheure Ungerechtig-keit. Sie protestiren im Namen des Rechts und des Eigenthums, die durch die Ge-setze verbürgt und durch einen despotischen Act verletzt sind, den man bis jetzt verweigerthat ihnen mitzutheilen. Sie Protestiren im Namen der Unvcrletzlichkeit, die daS piemon«tesische Statut anerkannt, im Namen der Religion, die durch die gottlose Verletzungder Klausur uud der CauoneS beschimpft ist, im Namen der Ehre, die ein gegebenesWort und ein gethanes Versprechen heilig macht, endlich und zuletzt noch im Namenaller Gesetze der Menschlichkeit, die in Bezug auf sie mit Füßen getreten werden.Collegno, 11. August 1854. (Folgen die Unterschriften.)
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Rom, 23. Aug. Der heilige Vater har gestern ganz Rom durch eine schoneThat mit einer Begeisterung für sich erfüllt, welche an die ersten Tage, jene über-glücklichen seines PontificatS, erinnen. Die Cholera greift täglich mehr um sich; vieleAerzte haben sich von Rom entfernt, andere weigern sich, zu den Kranken zu gehen;das Volk drohr mit Unruhen. Der heilige Vater weiß von Allem. Um die Furchtund den Schrecken vor geglaubter Anstcckung der Krankheit durch seine persönlicheFurchtlosigkeit zu verscheuchen, begab er sich gestern gegen Abend, von den MonsignorS