Vierzehnter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger postzeitung.
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17. September M^- 18S4.
Diese« Blatt erscheint regelmäßig alle Touutage. Der halbjährige «bou»eme«t«prel<
-^v kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werd»» tau».
Der Tob Boltaire'S.
(Fortsetzung.)
Maria FraneoiS Arouet, Sohn eines Advocaten und spätern Schatzmeisters derRechnungskammer zu Paris , wurde daselbst 1694 geboren. War'S Eitelkeit, Laune,over sonst ein Beweggrund, den »nS die Geschichte nicht überliefert hat, genug, derName des VaterS behagte in der Folge dem Sohne nicht mehr, der sich nun selbstVoltaire nannte und unterschrieb. Um die Erziehung des Knaben erwarb sich daSJesuilen-Collegium seiner Vaterstadt große Verdienste, und Voltaire gedenkt in seinenBriefen und anderwärts mehrmals seiner Lehrer aus diesem Orden mit einer Pietät,die das Kriterium der Sprache deS Herzens an der Stirne trägt, und die wir daherauch hier nicht unerwähnt lassen wollten. Denn, wir haben eS schon gesagt, wederHaß noch Vorliebe führt bei diesem Aufsatz die Feder, und wir lesen gern solche Augeaus dem Leben eines menschlichen Wesens auf, weil sie die ganze Galtung ehren undihr als Beispiele zur Nachahmung Zinsen bringen. Wir halten dieß auch für historischeGerechtigkeit gegen jedes Individuum, daS man zum Gegenstande öffentlicher Bespre-chung macht, und zugleich für eine von der Nächstenliebe uns auferlegte Pflicht, daSGute überall aufzusuchen, und, haben wir'S gefunden, wäre eS auch in d>r Seele deSübcrwiescncn und verurtheilien hundertfachen Verbrechers, freudig und ohne Scheuanzuerkennen. Wir heben diesen Umstand auch noch besonders in Rücksicht aus Vol,tuire'S Erzieher hervor, und haben hierbei nicht etwa bloß das achtzehnte Jahrhundertall, in im Auge. Es ist fürwahr der höchsten Beachtung werth, daß ein Mann wieVoltaire, dessen ganze Lebensaufgabe eS gewesen zu seyn scheint, dem Christenthum«und seinem Stifter zn fluchen und Hohn zu sprechen, ohne sichtlichen oder auch nurdenkbaren äußern Zwang den Führern seiner Jugend die ungeheucheltste Hochachtungzollt, und zwar iu Ausdrücken, die, obschon zunächst von Einzelpersonen gebraucht,doch in ihrem Cvnlert einer Huldigung gegen die ganze Gesellschaft nicht unähn-lich sehen, welche sich nach dem von ihm geschmähten Gottmenschcn nennt, die dessenFahne und Lehre in alle Welttheile getragen und noch trägt, und deren MitgliedereS gewiß nicht versäumt halten, den Samen dieser Lehre auch in die empfänglicheBrust ihres Zöglings zn ftrenen. Hält man diese Aeußerungen Voltaire'S über seineLehrer mit manchen andern, später anzudeutenden Erscheinungen in seimr langenirdischen Laufbahn zusammen, und sucht mau dann auf psychologischem Wege das Er-gebniß dieser Zusammenstellung zu ermitteln, so gelangt man zu dem unabweiSlichenSchlüsse, daß jene Aeußerungen daS reine Gepräge eines inneren Zwanges haben,d. h., daß sie, unter der Gestalt einer individuellen Achtungsbezeugung, Voltaire'Sunbewachte Ueberzeugung von der Vortrefflichkeit der christlichen Religion enthalten,während Hochmuth, herrschender Welttou, Sucht nach Berühmtheit und Reichthum,