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verbünden mit ei'ner sarkastischen Natur, deren steter Heißhunger, gleich dem der Ver-leumdung, auch des Heiligsten nicht schont, sobald sie jener Ueberzeugung begegnen,den Kampf gegen dieselbe mit um so größerer Erbitterung sichren, je mehr sie, wiesie'S anch recht gut fühlen, auf unbesiegbaren Widerstand stoßen. Bedenkt man ferner,daß jeder große oder berühmte Mann dazu verurtheilt ist, sich bei jedem Schritt undTritt von einer zahllosen Schaar Trabanten umgeben zu sehen, die jedes Wort deSMeisters mit hastiger Gier verschlingen, und, wie die Schüler deö PythagoraS , unterdem Rufe: „Er hac's gesagt!" als Orakelspruch wieder von sich geben; erwägt mandie uns zwar nicht natürliche, sondern »ach außen angebildete, darum aber nicht min,der geringe Furcht vor Jnconscquenz, die falsche Schämn, selbst nach erlangter Einsichtunseres Irrthums etwas von dem zurückzunehmen, was so treue Anhänger undJünger als unser und ihr Schibolcth von allen Dächern herab verkündigt haben, undwendet man diese Betrachtungen nach Wahrheit und Gerechtigkeit auf Voltaire an, sobegreift man vollkommen den innern Hader und Zwiespalt, die an dem zur einsamenRuhe Zurückgekehrien, den auf der Schaubühne der Welt stolz aber künstlich einher-schreitenden Triumphator fürchterlich rächen, ihm den dürftigen Schlummer, die kurzeErholung verkümmern, ihn rastlos umhertreiben, bis zur Erschöpfung foltern, unddann wieder in das Gewühl des Tages Hinansstoßen, um in später schweigsamerNacht das Strafgericht von Neuem zu beginnen. Welch' ein beneioenSwertheS LooS!Wer, dem ein menschliches Herz im Busen schlägt, kann einem solchen Schauspieleohne Schauder und Rührung beiwohnen? Anch wir fühlen uns menschlich bewegt,denu das Geschöpf, das zu unserm Gemälde sitzen soll, war ja auch ein Mensch,und- Irvtz seiner Schätze, seines Ruhms, seiner Herrschaft über sein Jahrhundert ein sehrunglücklicher Mensch! Sein Wirken empfinde die ganze Schwere unseres Unwillens,denn eS soll uns und Andern ein Spiegel seyn, damit wir seine Wege nicht wandeln;aber seiner Person werde und bleibe unser aufrichtiges Mitleid: er hat schwer gesün-digt hienieden, aber auch schon hienieden schwer gedüßt. Von wichtiger Vorbedeutungfür den dem Knaben noch näher als dem Jünglinge stehenden Voltaire war seineEinführung in die sogenannte große Welt, die sich damals bt-sonders zahlreich in derWohnung der Pariser Aspasia, Ninon de LecloS, versammelte. Der abgefeimteste,unbegränzter Schwelgerei des Geistes wie deS Körpers opfernde EpikuräiSmus, denweder der mißverstandene Grieche noch der seiner Cpur folgende Römer für den ihrigenerkannt hätten, hatte hier seinen Thron aufgeschlagen, und hundert willige Vasallenumstanden ihn, stets bereit, jeden Wink deS Herrschers als Besehl zu vollziehen.Sevigne, La Fare, Ehaulieu, Chateaunenf zc. versahen hier abwechselnd daS Amteines CeremonienmeisterS oder „Irilrodueteur"; so Letzterer, der Voltaire'S Pathe war,bei diesem. Der Besitzerin deS Hauses ward nicht weniger geschmeichelt und hofirt,als der milesischcn Hetäre zu Athen , und Männer jedes Allers und Standes, diesich durch Bildung, Glücksgüter, Annehmlichkeit der Person u. s. w. auszeichneten,buhlten nm die durch den „von ton" gebotene Ehre, „de tsire leur cour » cettemerveüliz du inonde." Witz und Laune waren die unerläßliche Würze, die jeder Gastzur Unterhaltung beisteuern mußte, und da die Wahl des Gegenstandes unbeschränktblieb, ,,car I'esprit doit. s'exereer surtcmt", so wurde Heiliges wie UnheiligeS auj'Smnibwilligste bewitzelt und bespöttelt. Grundsätze waren verpönt, und mit ihnenWissenschaft und Kunst, in so fern diese von Grundsätzen ausgehen oder darauf zurück-führen; wenn auch zuweilen Verse, besonders dramatische (von Corneille, Racine,Mvliere) und erotisch-satyrische, vorgetragen und beuriheilt wurden, so geschah Letzteresdoch nur nach einer längst fertigen Schablone, von welcher keine Appellation stattfand;am schlimmsten kam die Religion weg, namentlich die römisch-katholische . Hier beidiesem weiolichen Lovelace bildete sich eine der Hauptpflanzschnlen, woraus die Grün-der und Lenker deS philosophischen Jahrhunderts hervorgingen, dessen Philosophiejedoch einzig daraus hinauslief, mißliebige Dinge lächerlich zu machen, wozu vor allendie Religion gehörte. „I.e ridieule tu«", hieß eS und heißt eS noch in dem Lande,dessen Sprache wir hier entlehnen. Allein — „c>n vous dorme dien de8 ridieules"