Ausgabe 
14 (17.9.1854) 38
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sagt Jemand bei Barthelemy zu Diogenes , und der Cyniker antwortet: ,Miis so neles sceeple pss." DaS sagte und sagt auch noch die Religion, so oft Frevler daraufausgingen oder ausgehen, ihr die Narrenjacke anzuziehen. Verunglimpfung wiethätliche Angriffe prallen machtlos von ihrer gepanzerten Brust ab, und selbst derMißbrauch reicht bis zu ihrer Höhe nicht hinauf; sie kann, wie Kunst und Gerechtigkeit,der Erde auf eine Zeitlang den Rücken zuwenden, sich zum Sitz ihreö Urhebers empor-schwingen, aber das Unreine der Erde färbt auf sie nicht ab. Der AsterphilosophieBemühen znr Zerstörung des Unzerstörbaren war also eine SisyphuS- oder TantaluS-Arbeit; sie mochte sich heiser schreien und brüllen:Ler-isex I'inlume!"^'inlume",daS Wort vom Stifter oder der Stiftung oder von beiden zugleich verstanden, lebteund lebt fort und ward nicht zertreten. Zwar gingen die Nachbeter Voltaire'S ,d'AlembcrtS, DiderotS und sämmtlicher Encyklopädisten im letzten Zehntel des Jahr-hunderS noch um einige Riesenschritte weiter: sie versuchten eS mit den Bekennernder Religion, aber anch diese täuschten ihre Erwartung; sie gaben freudig ihr Lebenpreis, aber nicht daS, was dein Leben Reiz und Werth verleiht. Delille schleuderteden Scheusalen sein"sremdleü, vous eles immortels!" entgegen, und damit gcwisser-maaßen zugleich seinen Kopf anf's Blutgerüst; La Harpe , der sich vom Altmeister unddessen Adepten losgesagt hatte, rief mir empörtem Selbstgefühl:<)uoi! IVous serionsles eselsves et les Instruments c!e eeux ciui n'ont rien, czui ne tvnt rion, et czuine savent, rien?" und Chateaubriand gab 18l)l, als zwar Terrorismns und Direkto-rium zu Grade getragen war, aber im Staatsrath noch darüber gestritten wnrde, obChristenthum , Polytheismus oder Atheismus einznsühren, seine Verherrlichung desKreuzes, seinLerne clu Lliristmnisrne" heraus, nachdem DupuiS den Heiland zurastronomischen Mythe verzerrt h'tte. Die Philosophie deS neunzehnten Jahrhundertsmag an und für sich nicht blutdürstig seyu, sie kennt aber eben so wenig wie die desvorigen daS:Dulde und entbehre" EpiktetS, sie lockert durch ihre nichtgelösten Zweifeldie Bande, die Himmel und Erde miteinander verknüpfen, und einmal gelockert, währt'Snicht lauge, so reißen sie entzwei. Ein System, daS die Schöpfung ans Nichts wieein Märchen behandelt, die Eristenz GotteS in Abrede stellt, dagegen aber die Ewig-keit der Materie als dogmatisches Ariom anpreist, verdient höchstens cin muleioigeSAchselzucken, durchaus keine Widerlegung, weil eS das gehäufte Maaß von Abge-schmacktheit und ein unvermeidliches 1'est.imoniuin pgupertatis für deu Geist seinesErfinders ist. Wenn Sophisten in seinem Beiseyn die Bewegung lüugneten, standSokrateS ans und wandelte hin und her. Bestreitet Einer uuS die Möglichkeit derSchöpsnng aus Nichts, so wolle er unS beim Beginn deS Frühlings in die wieder-anflebende Natur begleiten; genügt ihm dieses stumme, und doch so beredte Argumentnicht, so möge er eS uns nicht verdenken, wenn wir ihn für absichtlich verstockt oderfür eine arkadische Nachtigall halten. Letzteres würde unfehlbar der Fall seyn,wenn er uns von ureigner ProdnctivnSkraft der Natur, d. h. einer Erdschollespräche, er, der es lächerlich finden würde, wenn man seinen Eßlöffel, sein Brodmesserooer gar seine Taschenuhr als von ungefähr oder dnrch selbststä ndige Verbindungder Stofftheile entstanden erklärte. Da gefällt unS doch der schon genannte Chateau-briand besser, ein Mann, der eben nicht als stumpfsinniger Dummkopf oder als gedan-kenloser Betbruder bekannt ist. Der aber hatte anch die überschwenglichen Philosophiescheu Systeme, wonach die christlichen Zuständeüberwunden" sind,neue Götter"daS Regiment übernommen undallen alten GlaubenSsauerteig auS unsern Herzenausgefegt" haben, der Reihe nach durchgemustert, und als er damit zu Stande war,da sagte er kopfschüttelnd:Klr dien, tout cela veut svoir I'air cle cjuelcjue coose;pour moi, je tiens tiue le clurpelet cle mon eure est plus sür." Wenn wir übrigengden Erfindern derartiger Systeme die von Andern daraus gezogenen blutigen Conse-quenzen nicht aufbürden wollen, so sind sie doch nicht von aller Schuld freizusprechen;denn sie hätten an Göthe'S Zauberlehrling" denken können und sollen. Und nunzurück zu Voltaire .

Unter solchen Einflüssen begann der sechzehnjährige Jüngling seine literarische