Ausgabe 
14 (17.9.1854) 38
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Laufbahn mit dem TrauerspielOedip ", dem die Akademie den Pre!S versagte, unddafür vom Verfasser mit Epigrammen beschossen wurde. Wegen dieser Frechheit auSdem elterlichen Hause verjagt, ging der reizbare Poet mit der franzosischen Gesandt-schaft nach dem Haag, kehrte aber bald wieder zu seinem besänftigten Vater zurück,nachdem er ihm versprochen hatte, sich mit Ernst auf die Jurisprudenz zu legen.Dieß Studium kam ihm jedoch nach kurzer Zeit so trocken vor, daß er eS ausgab.Nun griff er wiever zur Feder und schrieb eine satyrische Darstellung der letzten Rcgie-rungSjahre Ludwigs XIV. , weßhalb er (1716) in die Bastille wandern mußte, woer seineHenriade" anfing. 1718 wurde er daraus entlassen und seinemOedip "der Preis zuerkannt. Neue Händel brachten ibn von Neuem in die Bastille, wo seineHaft dießmal nur sechs Monate währte, aber durch seine Verweisung auS Frankreich verschärft wurde. Er wandte sich nun nach England , und ließ dort seine inzwischenfertig gewordeneHenriade" unter dem NamenI.» I.igue" zum erstenmal drucken.1728 nach Paris zurückgekehrt, verfaßte er bei Gelegenheit der BulleDnigenitus"seine Schrift8ottisks cles cleux cüt6s." Zwischen 17301735 mußte er wegenseinerI^vttres pruloscipniques", die das Parlament öffentlich verbrennen ließ, so wiewegen derpucelle cl'Orleims", worin alle Blumauer'sche Unsittlichkeiten weit über-troffen find, seine Vaterstadt wiederholt verlassen, und seine Freundin, die Marquisevon Chatelet zu Chivay in der Champagne, nahm den Flüchtling sreundlich auf.Seiner fruchtbaren Feder entflossen nach und nach eine Menge Werke, so die Romane:Xach'g",Kvrigiscdsm",Lk>n<licl«z",l.s prinoessv cle Kal^Ione",IVIn^eriue"; dieTrauerspiele:Kruws",Xaire",ä.I?ire",Ugnomet", ./Ignerecie",Hemiramis",,M6rope",Orests",Kome sauvee",Ol^mpie",l.eg Leines", ,,^e 1'rium-virst,"; daS8iecle 6<z I^ouis XIV. et I.ouis XV.",Uistoirs clv tünsrles XII.",üistoirv 6e Is Kuerre lle 1741",k!ssgi sur I'tustoire Mnerglo",sur les moeurset I'sprit «les nstionz." Später kommen noch hinzu:pi'eees iueclites cle Älr. äs Vol-tsire" und ein bitterer Kommentar über Rousseau'S ,,^ontr3t social". Man sieht auSdiesem noch nicht ganz vollständigen Verzeichniß, daß Voltaire mit zu den fruchtbarstenSchriftstellern aller Länder und Zeiten gezählt werden kann. Eine kritische Rundschaudieses so beträchtlichen Nachlasses, besonders wenn sie das Einzelne nach Inhalt undForm betrachten wollte, würde einen Umfang erreichen, der weder zu dem unS zuge-messenen Raume, noch zu dem nächsten Zweck, den wir hier verfolgen, im richtigenVerhältniß stände: ein Feuilleton darf nicht zu einem Buche anwachsen, und zurallgemeinen Charakteristik eines Schriftstellers genügt eS, dessen vorherrschende Tendenznachzuweisen. Diese ist aber bei Voltaire offenbar wider daS Christenthum gerichtet,und zwar nicht so, wie eS in jeder scharf bestimmten Polemik herkömmlich, nämlichmit wirklichen oder vermeintlichen Dokumenten in der Hand, sondern vielmehr durchgelegentliche oder künstlich angelegte Ausfälle an Orten, wo sie Niemand ahnen undnoch weniger erwarten konnte. Darum ist auch Voltaire'S litcrarische Wirksamkeit,selbst in Bezug auf ihr verstecktes Ziel, eine durchaus verfehlte, und iu Bezug aufihr durch den Titel oder sonst eingestandenes Ziel auch nur eine halb gelungenezu nennen. Und das ist überall so, wo Sehnliches zusammentrifft, in Kunst undWissenschaft, wie im Leben- Der menschliche Geist ist so beschaffen, daß er nichtmehrere Gegenstände zugleich umfassen kann, und jede derartige Zersplitterung wird anseinen Schöpfungen wahrgenommen. Ziehen wir dann noch das Lähmende in Betracht,daS jedes im innern Bewußtseyn verurtheilte Unternehmen schon mit auf die Weltbringt und woran eS während seiner ganzen Dauer siechen muß, so nimmt uns daSDiSparate der so vermittelten Erscheinungen nicht allein nicht Wunder, sondern wirwürden daS Harmonische derselben gar nicht begreifen können. Und so begegnen wirdenn auch bei Voltaire , ohne uns zu wundern, hier einer schlagend richtigen underhebenden Marime, wie:Ein Sohn bewaffnet sich nicht wider einen strafbarenVater; er wendet die Augen ab, beklagt und verehrt ihn;" dort einer gemeinen Bur-leske, wie:Ich weiß, eS ist unzweifelhaft, daß, wer elwaS Vollkommenes zu Standebringen wollte, sich dem Teufel verschreiben müßte, und das habe ich nicht gethan."