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Oeffeutlichkeit tritt, während man seine Eristenz so gern ignoriren möchte. Als derPapst die kirchliche Hierarchie wieder herstellte, entstand darum eine große Bewegung,während man sich an die Eristenz der apostolischen Vicare schon gewöhnt hatte.So ist auch jetzt die antipapistische Aufregung fast nnr gegen Dinge gerichtet, wodurchman in sehr fühlbarer und unangenehmer Weift an die stillwirkeude Macht der Kircheerinnert wird, gegen die Klöster, daS katholische Seminar, daS Wirken der katholischenGeistlichkeil im Heere, ans der Flotte, in den Gefängnissen u. s. w.
(Schluß folgt.)
Der Tob Boltaire'S.
(Fortsetzung.)
Können und wollen wir daher aus den citirten Fragmenten auch keinen Schlußauf Voltaire'S literarische Befähigung ziehen, so möchten sie doch diejenigen, welchemit den Werken dieses Schriftstellers vertraut sind, an dessen hin und her schwankendeGemüihSverfassung erinnern, deren Grund wir bereits angegeben zu haben glauben.Eine krankhafte Reizbarkeit, die Folge seines unablässigen Bemühens, jeden Stoff,der, gehörig abgegränzt unter seinen geschickten Händen, die Kunst oder Wissenschaftbereichert und verherrlicht hätte, als Mittel zur Vernichtung des Christenthums aufzu-fassen und zu verarbeiten, oder, wo der Stoff selbst diesem Zweck widerstrebte, durchNoten zum Tert nachzuhelfen, diese Reizbarkeit hat allen Voltaire 'schen Geistesproductenihr Siegel aufgedrückt und sie der Vergänglichkeit geweiht. Vielleicht sind seine kriti-schen Beurtheilungen der Tragödien Corneille's die einzige, gewiß eine von den seltenenAusnahmen, wo wir mit innerer Befriedigung einer rein künstlerischen und wissen-schaftlichen Thätigkeit begegnen, die uns aber auch wieder das Bedauern abnöthigt,daß ein so Heller und ernsten Studien nicht fremd gebliebener Kopf sich und uns durcheigenes Verschulden um seinen Beitrag an gediegenem Golde gebracht hat, woran dieSchatzkammer der Literatur wahrlich noch jetzt Ueberfluß besitzt. Statt dessen sehen,hören oder ahnen wir auf jeder Seite seiner Schriften daS eben so geistlose alsunkünstlerische und unwissenschaftliche „Louvens? vous cls leergser!" DaS steht inFraciurschrift in seinen Brüstn an D'Alembert , Diderot u. A., in Andentungen,Renitenzen und auch ganz ausgeschrieben an tausend Stellen, wo es der Einheit deSbihandelnden Gegenstandes schadet, also anch schon ästhetisch zu seinem Anklägerwird: „v«5ni<zue sit ciuoclvis simpIex äunwxst et unum." (Mit einem Worte, AlleSscy einfach und. eins.) „Wie kommt eS denn aber," fragen vielleicht einige unsererLeser, „daß Voltaire für seine Zeitgenossen und noch lange nachher Tonangeber warund blieb, daß sogar gekrönte Häupter ihm huldigten und die größte Auszeichnungbewiesen, und daß so mancher nach ihrer Meinung verdienstvollere Mann kaumbemerkt wurde?" Darauf antworten wir mit der Geschichte und täglichen Erfahrung.In Franlreich hauSte damals der Regent Philippe d'Orlk-anS und nach dessen TodeLudwig XV., und der Abglanz französischen Einflusses in Europa, der unter Lud-wig XIV. vorwiegend war, wirkte wenigstens noch als mehr oder minder schwacher Reflerfort. In Frankreich selbst wie im Auslande galt das Schlagwort Aufklärung,womit Alles gesagt ist, und wobei d'Alembert'S: „Ou'ost-ee czue csls prouv«? denKürzern gezogen hätte. Zwar verstanden die Meisten, die jene Zauberformel überallund immer führten, ungefähr so viel davon, wie von TrithemS „Abrakadabra", undunier vier Augen würden wir die Muthmaßung wagen, daß eS sich heut zu Tagewohl nicht viel anders damit verhalten dürfte. Genug, daß man ausgeklärt seyn,fortschreiten, nichts mit retrograden Finsterlingen zu thun haben will,und das geht über Alles. Gibt nun etwa diese Aufklärung heute oder morgen,oder wann eS ihr gefällt, die Losung, Betrug sey Klugheit, Unwissenheit — dierechte Bildung, Umsturz göttlicher und menschlicher Einrichtungen zur Gründung undErhaltung der Gesellschaft — die Aeußerung wahrer Freiheit, nun, waS ist da zu