Ausgabe 
14 (24.9.1854) 39
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sagen? WaS sonst alS:8u5 «Zone su nom cles lumieres et clu pwgrees! ü Iiss leshrsns et les csgots! vive la liuerte et pörisse le monde!" (Darauf denn im Namender Aufklärung und des Fortschritts! Nieder mit den Tyrannen nnd Kopfhängern!ES lebe die Freiheit und mag die Welt dabei zu Grunde gehen!) So grob fiel nunfreilich Voltaire nicht mit der Thüre iu'S HauS, wenn auch daS Alles aus seinemverbissenen oder auSbrechenden Christushasse als Corollar hergeleitet werden kann undzwölf Jahre nach seinem Tode wirklich hergeleitet ward. Voltaire war ein seinerHolmann, einZi-gricl-seiFneur", und im vollen Sinne deS Wortes einirommvä'esprit." Die Fürsten sind zwar und sollen die Träger ihrer Zeit seyn; sie werdenaber auch wieder von ihrer Zeit getragen, und so erklärt es sich leicht, daß Friedrichder Große, Catharina II. und andere gekrönte oder fürstliche Personen den .,Wisenvon Ferney" mit Gnaden und Ehrenbezeigungen überhäuften. Friedrich war ein Freundund Kenner der französischen Sprache und Literatur, und Voltaire wußte seine Sprachemit Meisterschaft zu handhaben; und mochten auch die Erzeugnisse seiner Feder voninnen wurmstichig seyn, sie waren daS Gepräge und Spiegelbild deS Zeitalters, hattenäußerlich die gebührende Glätte, undqusnä on veut s'srnuser, orr n'^ regsrcle psscle si pres." (Wer sich bloß die Zeit vertreiben will, nimnu'S nicht so genau.)Wäre aber Voltaire vor dem Könige mit den rohen Ausgeburten seiner Nachtreterherausgerückt, so hätte dergefreute Philosoph" wahrscheinlich seinem Krückenstockedie Widerlegung deS Sophisten abgetragen, und dieelroits cle I'twmmv" mostenmit der ..preroZstive roz-sle" einen harten Strauß zu bestehen gehabt haben. Daßdem wirklich so und unsere Vermuthung nickt auS der Luft gegriffen sey, erhellt auSVoltaire'S späterer Flucht von Berlin oder SanSsouci und dessen Verhaftung in Frank-furt a. M., wobei es sich verhältnißinäßig um Kleinigkeiten handelte, nämlich nmseine Händel mit Maupertnis und die Mitnahme einiger Manuskripte Friedrichs.Dieser warf daS Spielzeug weg, als cS ihm nicht mehr gefiel, und wenn er auchdemhämischen Affen" in der Folge verzieh und wieder mit ihm correiponUrte, sogeschah daö auS fürstlicher Artigkeit. Der große König brauchte Voltaire nicht, umseinen Namen auf die Nachwelt zu bringen, und selbst die mit höchsteigener Hand aufVoltaire'S Statue geschriebenen Worte:Viro immortsli" können unsere Meinunghierüber nicht ändern; wir gäben nicht Geringes darum, wenn es uns vergönnt wäre,demallen Fritz" inS Angc zu schauen und in seinen Gedanken zu lesen in dem Moment,wo er den Franzmann der Unsterblichkeit übergibt. Mit derLemirsmis du >'or6"verhielt eS sich anders. Diese mächtige Herrscherin hatte zwar auch einen großenRuf; allein dieser Ruf konnte sich nicht wie der Friedrichs aus sein eigenes Postamenthinstellen und sprechen:Ich bin ich", und eS war ihrem weitschauenden Blicke nichtentgangen, daß Männer, wie Diderot, d'Alembert und Voltaire, welche die öffentlicheMeinung, und mit ihr Ruhm und Schande, in der Hand haben, mir Achtung undZuvorkommenheit behandelt werden müssen, wenn sie ihre Hand zn unsern Gunstenöffnen sollen. Daher waren denn anch besonders die drei Genannten der Gegenstandihrer unermüdlichen Huld und Aufmerksamkeit, und Voltaire erhielt von ihr außerandern werthvvllen, oft wiederholten Geschenken ihr mit Brillanten besetztes Bilbniß.DaS dürfte nichc unvergolten bleiben und blieb eS auch nicht. WaS endlich die über-schenen, in Dunkelheit und Mangel vegetirenden Gelehrten, Künstler und Schriftstelleranbelangt, so haben wir nicht weit auszuholen, um diese Erscheinung zu erklären: ihrVerdienst macht sie mißtrauisch gegen sich selbst, dieß Mißtrauen erzeugt Bescheidenheit,Bescheidenheit drängt sich nicht vor, und wer sich nicht vordrängt, wird nicht bemerktund geht überall leer aus. Die Folge davon ist denn natürlich, daß sie in Armuthgerathen und verkümmern, und Armuth ist in den Augen der Welt, trotz dem deut-schen und französischen Sprichwort, eine Schande und ein Laster. Solche paradoxeBegriffsverwirrung ist gar nicht selten, selbst bei hochstehenden, in der Logik undSittcnlehre gut bewanderten Männern; sagte doch der berühmte Talleyrand, als ihmdie Erschießung des Herzogs von Enghien zu Ohren kam, mit diplomatischem Kopf,schütteln:L'est plus yu'un orime, c'est une kaute." (DaS ist mehr als ein