Ausgabe 
14 (1.10.1854) 40
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eben so gut, wie die Ihrer protestantischen Unterthanen. Ich halte die protestantischeVerfassung für die Bürgschaft der bürgerlichen und religiösen Freiheit des Volkes,und weil ich diese Ueberzeugung habe, so glaube ich, wenn die Regierung ihre Pflichtversäumt und wenn diese Bruchstücke der Frage zum Gegenstand der öffentlichenDiskussion und der parlamentarischen Debatte gemacht werden, wird das Resultateine starke Beeinträchtigung der bürgerlichen und religiösen Freiheit seyn."

Aber wer unter den englischen Staatsmännern darf sich getrauen, eine Lösungdieser Frage zu versuchen? Wenn Disraeli Lord John Russell vorschlägt, so ist daswohl nur bittere Ironie, und auch unter den andern Wortführern beider Parteienwüßte ich keinen, der einer solchen Aufgabe gewachsen wäre.

Der Tod Voltaire'S .

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(Fortsetzung.)

In derfranzösischen Akademie", wo Voltaire'S Porträt über dem Präsidentenstuhlprangte, worein er sich setzen mußte, und in derComödie Fran?aisc" wurde ermit fast göttlicher Verehrung gefeiert. Wir wollen darüber den deutschen Baron undfranzösischen Journalisten Grimm hören, der diesen doppelten Empfang beschreibt:Nein," sagt er,ich glaube uicht, daß Geuie und Schristenihnm je einenschmeichelhafter» und ergrcifendern Triumph erlebt haben, als der war, der Herrnvon Voltaire hier zu Theil wurde. Dieser hochberühmtc GreiS erschien heute zumersten Mal in der Akademie und im Theater. Hinter seinem Wagen wogte bis indie Höfe des Louvre eine zahlreiche Menge Volks, die ihn sehen wollte. AlleEin- und Zugänge der Akademie waren von Menschenschwärmen umlagert, diesich langsam öffneten, um den Gefeierten durchzulassen, und dann mit Jubel undBeifallöäußcrungen hinter ihm herstürzten. Die Akademie kam ihm bis inS ersteVorzimmer entgegen, eine Ehre, die noch nie einem Mitglied wiverfuhr, ja, nichteinmal fremden Fürsten, die ihren Sitzungen beizuwohnen gekommen waren. Er mußtesich auf dem Sessel des DirectorS niederlassen und ward durch einstimmige Wahl zudieser binnen Kurzem erledigt werdenden Ehrenstelle erhoben. Ot'schon der Gebranchin solchem Falle das Loos vorschreibt, so hielt diese gelehrte Gesellschaft eS doch mitRecht für angemessen, zu Gunsten eines großen ManneS davon abzusehen, und sieentsprach dadurch wirklich dem Geiste und der Al'sicht ihres Stifters. Hr. v. Voltaire hat diese Auszeichnung sehr dankbar entgegengenommen. Die Versammlung war möglichstzahlreich; doch inuß man die dem Hrn. v. Voltaire hier dargebrachten Huldigungennur als Vorspiel zu denen ansehen, die ihn im Nationaltheater erwarteten. SeineFahrt tiuS dem Louvre in die Tuilerien glich einem öffentlichen Triumphzuge. Derganze unermeßliche Prinzenhof bis zum Eingange deS CcirroufselS war mit Menschenangefüllt; nicht geringer war der Zulauf auf der Gartenterrassc, und in dieser Mengefand jedes Geschlecht, jedes Alter und jeder Stand seine Repräsentanten. Sobaldman den Wagen in der Ferne ansichtig wurde, erhob sich ein allgemeines Freudengeschrei;Zurufen, Händeklatschen, Entzücken nahm in dem Maaß zu, wie er näher kam; undals man nun den ehrwürdigen Greis selbst erblickte, als er, auf zwei Armegestützt, auöstieg, da erreichte die Rührung und Bewunderung ihren Gipselpuuct.DaS Volk drängte sich zu ihm hin; es drängte sich aber mehr, um ihn vor demZudrang zu schützen. Jeder Eckstein, jeder Schlagbaum, jedcS Fenster war mitZuschauern besetzt, und kaum hielt der Wagen still, so stieg man oben darauf oderauf die Räder, um die Gottheit besser in der Nähe zu sehen. Im Schanspielhauseschien die Begeisterung deö PublicumS, von der man glaubte, daß sie nicht weitergehen könne, sich auf's Doppelte zu steigern, als Herr v. Voltaire in der Loge derKammercavaliere über dem Erdgeschoß zwischen den Damen Deniö und von Vill-ttePlatz nahm und Herr Brizard nun einen Lorbeerkranz brachte, den Frau von Villeitedem großen Mann auf's Haupt setzte, dieser ihn aber gleich wieder herabnahm,