Ausgabe 
14 (1.10.1854) 40
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obschon das Publicum dieß unter betäubendem Klatschen und Geschrei abwehren wollte.Alle Frauenzimmer standen. In den Gängen war es noch voller, als in denLogen. DaS ganze Schauspielerpersoual trat vor dem Aufziehen deS Vorhangs anden Rand der Bühne. Man erstickte einander sogar am Eingange in'S Parlerre,wohin mehrere Damen, die anderwärts keine Plätze finden konnten, hcrabgestiegenwaren, um nur ein paar Secunden den Gegenstand so vielseitiger Anbetung zu sehen.Schon sah ich den Augenblick kommen, wo der Theil deS Parlerre unter den Lo.Mniederkmeen würde, weil ihm in seiner Verzweiflung kein anderes Mittel zum Sehenübrig blieb. Der ganze Saal war eine Staubwolke, von der Ebbe und Flulhder wogenden Menge aufgewirbelt. Diese Begeisterung, diese Art allgemeinenWahnsinnes dauerte über zwanzig Minuten, uud den Schauspielern gelang eSerst nach vieler Mühe, das Stück ansangen zu können. Es warHrene; nie wurdeeinem Drama weniger Aufmerksamkeit und zugleich mehr Beifall geschenkt. Als derVorhang fiel, neues stärkeres Zurufen, neuer doppelt lauter Beifall. Der edle Greiserhob sich, um dem Publicum zu danken, und kaum eine halbe Minute darauf sahman mitten auf der Bühne ein Postament, auf dem Postament daS Brustbild deSgroßen ManneS, alle Schauspieler und Schauspielerinnen im Halbkreise um die Büsteherum, mit Laubgewinden und Kränzen in der Hand, alle Laien, die in den Coulissengestanden hatten, hinter ihnen, und ganz in der Vertiefung der Bühne die Garten,welche im Trauerspiel aufgetreten waren, Brizard setzte den ersten Kranz auf die Büste;die Andern folgten dann Brizard'S Beispiel, und nachdem sie dieselbe so mir Lorbeerund, wie Einige behaupten, mit Küssen bedeckt hatten, trat Madame VeslriS bisan den Rand vor, um dem Gott des Festes selbst ciu Gedicht vorzutragen, daö vomPublicum mit ranschendcm Beifall aufgenommen wurde, vermuthlich deßhalb, weilcS darin einen Anklang seiner eigenen Gefühle wiederzufinden glaubte. ES mußtewiederholt werden, und in einem Nu waren tauseud Abschriften davon im Umlauf.Die Büste blieb mit ihrer Lorbeerlast auf der Bühne stehen. Der Augenblick, woHerr v, Voltaire das Theater verließ, schien noch rührender, als der seiner Ankunft;die zweifache Last der Jahre und der Siegesiränze, womit man sein Haupt beladenHalle, schien ihn niederzudrücken. Man sah ihm die innere Rührung an: seine Anzcnfunkelten noch durch die Blässe des Gesichts hindurch, aber man glaubte wahrzunehmen,daß sein Athem nur vom Gefühle seines Ruhmes uuierhalten wurde. Die Frauenzimmerhallen sich auf beiden Seilen aufgestellt, sowohl in den Gängen als ans den Treppen,um ihn zwischen durchzulassen; sie irrigen ihn gleichsam in ihren Armen, uud so gelaugteer zum Krrschenschtage. Vor der Thüre des Schauspielhauses hiell man ihn so langeals möglich auf. DaS Volk schrie:Fackeln, Fackeln! damit Jeder ihn sehen kann'."AIs er im Wagen saß, drängte sich das Gewühl um idn herum; man stieg auf denTritt, hängte sich an die Schläge, um ihm die Hände zu küssen. Man bar denKutscher, Schritt zu fahren, damit man beibleiben könne, und so begleitete ihn einTheil des Volkes bis znm Pvnt-Royal. Die Eifrigsten suchten seine Kleider zu berühren,seine Hände zu küssen, seine Pferde zu streicheln; in einem Anfinge von Inbrunstwollten sie die Pferde ausspannen und den Wagen selbst ziehen, der für diese festlicheVeranlassung bestellt zu seyn schien; denn er war himmelblau uud ganz mir gvldcnenSternen besäet, genau wie der Wagen des EmpyräumS. Der Grabstichel blieb auchnicht müß g, uud alle Scenen von Voltaire'S Krönung wurden durch ihn für daSAuge gefesselt." Man ward'S nichr müde, ihn zu sehen, zu feiern, zu verherrlichen.Man halte ordentlich den Narren an ihm gefressen, sprach von nichts als von ihm,und überhäufte ihn bis zum Uebermacrß mit Besuchen nnd Gedichten. DaS Volk standharrend vor seiner Thür und auf den Quais, um seiucr Gegenwart froh zu werden.DaS Jncognito war für ihn zur Unmöglichkeit geworden. Er mochte sich in'S Theateroder in die Akademie begeben, alle Well zog hinter seinem Wagen her, den man schonin der Ferne erkannte. Ging er zu Fuß aus, so lockte sein sammrner Rock, seinPelzwerk, besonders aber seine ungeheure schwarze Perrücke, die ihres Gleichen nurin der von Bachaumont hatte, alle Buben des Stadtviertels herbei; sodann die