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muß gestehen, die Alten, in Allem unsere Lehrmeister, hatten auch darin einen großenVortheil vor uns voraus; sie störten weder das Leben noch den Tod durch Aufbür-dungen, die beiden Unheil bringen. Zur Zeit der Scipionen und Cäsaren lebte, dachteund starb man, wie'S Einem gefiel; unS aber behandelt man wie Drahtpuppen."Vielleicht ist hier die Bemerkung nicht unpassend, daß Voltaire sich in seinen Briefenvom 27. Jänner 1733 an de Cideville und de Formont rühmt, der Baronin vonFontaine-Martcl selbst angekündigt zu haben, daß sie fort müsse, und ihr einen Prie-ster zugeführt zu haben, um sie Beichte zu hören und ihr die Sterbsakramente zuspenden, AbschiedSceremonien, wovon sic in diesen tranrigen Umständen nichts hörenWollte. Aus sn'ncn Memoiren scheint auch hervorzugehen, daß er einen Priester beider Hand gehabt haben würde, um Frau du Chatelet denselben Dienst zu erweisen,hätte er voraussehen können, daß sie so frühzeitig und so unerwartet daS Zeitlichesegnen würde, indem Keiner am Hofe zu Luncvillc ihren baldigen Tod ahnen konnte.Weisen wir nun nochmals als auf eine Thatsache darauf hin, daß Voltaire nichtgestorben ist, ohne zu wissen, daß seine letzte Stunde herannahe, und sagen dann,mit welcher Gnnüthsstimmung cr sein leidiges Urtheil vernahm.
(Fortsetzung folgt.)
Kirchliche Notizen.
Siebe nbürgischcS. Die schönsten, die größten Kirchen von Hermannstadt und Kronstadt, die wahre Meisterwerke der gothischen Baukunst sind, befinden sich seitder Reforma'ion i» den Händen der Lutheraner. Auch sind daselbst noch die schönenKelche, die alten, reichen Meßgewänder u. s. w. aufbewahrt. Aber daS unglaub-lichste ist, daß die Lutheraner regelmäßig Nachmittag zur Vesper läuten und eineArt Vesper halten; ich wohnte einer solchen in Kronstadt bei. Im obern Ende derbeiden Chorstühle laS ein Prediger etwas vor — daraus setzte er sich hin — laswieder — nnd laS nicht mehr! Die fingirte Vesper war zu Ende. ES fand sich Nie-mand dabei ein, a'S zwei obligate in den Chorstühlen sitzende Lehrer oder Küster.Noch unglaublicher ist Folgendes: Dreimal deS Jahrcö wird in der evangelischen Haupt-Kirche zu Herrmanustavl (ob auch in Kronstadt, weiß ich nicht), die Messe nachkatholischem RitnS aufgeführt! Am Christtage — am ersten Oftertage und amersten Pfingsttage. Nachdem der gewöhnliche Gottesdienst vollendet ist, wird so langegewartet, bis sich allcS verlanfcn hat; dann beginnt die Aufführung, die ihren gutenmateriellen Grund hat. ES tritt ein Prediger im Meßgewande zum Altarmit dem Kelche. Auf dem Chor singt man das K^rio Kloris dreclo — der Canonbleibt auSÜ Sollte man glauben, daß dieser Unfug geschieht seit Jahren! Gott weiß— wie lange es geschehen wird! Und wenn Sie fragen, warum das geschieht, sohören Sie die Antwort: Es wird Vesper und Amt gesungen, um die katho-lischen StiftuugSgelder unter diesem Vorwand einstreichen zu können.Gott weiß wie viel Stiftungen von Messen in dieser Weise den Abgestorbenen, die siegestiftet haben, durch obige Komödie vorenthalten werden! Ist das nicht ein Spottund Hohn, den man mit der katholischen Kirche treibt. Wäre eS denn nicht an derZeit, sich an Match. ?4, 15 zu erinnern.
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Hamburg, 10. Sept. Der eifrige, treue Oberhirt der norddeutschen Missionen,C. A. Lüpke, fast im achtzigsten Lebensjahre suchend, unternahm noch einmal die weiteReise zu den entlegenen Missionskirchen, um die seiner Obsorge anvertrauten Gemein-den nach einem Zeitraum von sieben Jahren wieder zu sehen und bei ihnen daSheilige Sakrament der Firmung zn spenden. Der Reihe nach hat der hochw. Herr dieGemeinden zu Bremen, Hamburg, Altona, Lübeck, Schwerin besucht und in allen