Ausgabe 
14 (22.10.1854) 43
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hat aber, so wie alle Gegenstände, welche dasselbe berühren, keiner besondern Weihevonnöthen. Es ist durch den Erlöser selbst geweiht.

Von außen, an dem Kalvarienberge, haben die Lateiner, wir meinen dieKatholiken, noch eine kleine Capelle, welche der schmerzhaften Mutter gewidmer ist.Man kann zu dieser gelangen ohne die türkischen Wächter, und noch in der letztenStunde meiner Anwesenheit in Jerusalem machte ich im Geleite unseres gemüthlichenKlosterbruders Fra Salvatore einen Gang dorthin, um Kirche und Bild mit frischenBlumen zu schmücken. Dieser Capelle gegenüber links ist das Kloster der Griechenmit verschiedenen Kapellen, oben und unten, in denen sich auch einzelne Madonnenbildcrin dem strengen griechischen Geschmacke befinden. Die Madonna, wie die Griechensie male», ist nicht die milde, barmherzige Mutter, die zarte Jungfrau, sondern dieernste Matrone, der man, auch wenn das Bild zufällig die sonstigen Erfordernisse deöguten GeschiAackcs hat, doch nicht ohne Furcht und Zitiern nahen kann. ES ist ganzdas byzantinische Hvfceremoniel, das sich darin ausspn'cht und nach dem in.ni den Todverwirkt hat auch bei dem geringsten Verstoße gegen die Etiquette des hohen HofeS.Weiter abwärts zur Rechten liegt die Capelle der als gute Kaufleute bekannten Armenier,die überhaupt in Jerusalem zahlreich sind, ein eigenes Viertel bewohnen und mehrereKirchen haben, Alles im Geschmacke der Griechen. In einiger Entfernung, vielleichtfünfzig dunkle Stufen unter der Erde, doch noch immer zusammenhangend mit demehemaligen Bau der heiligen Grabeskirche, liegt die Kirche der Kopten. Die Kirchender Kopten haben wie die der Maioniten und sonstigen orientalischen Riten ihre ganzbesondere Einrichtung. Sie haben, wie man das schon in Alerandria sehen kann,eine Menge von Tafel- und buntem Holzwerk, nicht nur zur Absperrung desAllerheiligsten von den sonstigen Gläubigen, sondern auch von den Franen, zuweilenauch eine Menge kleiner Tafelgemälde von der Größe eineö BucheS, sind aber sehrarm, dunkel und schmutzig und ganz unheimlich. Die Kirchen der Griechen und Armeniersind besonders in Jtrnsalem und Bethlehem mit reichem Gvlbschmucke und einer Mengevon Bildchen versehen, aber Großes ist in denselben nicht vorhanden (mit Ausnahmeder Wandgemälde vom heiligen Kreuz bei Jerusalem); ihr Geschmack ist kleinlich, ihrealten Bilder sind steif und starr, ihre neuen lheebreltartig geleckt, Die Kirche andem lateinischen Kloster St. Salvator ist klein und ein dürfliger Nolhbau, den mauschon längst erweitert hätte, wenn nicht Hindernisse in den Weg getreten wären, dieeinstweilen nicht zu beseitigen sind.

Von großartigen Ruinen oder in Moscheen verwandelten Kirchen besitzt Jerusalem- die Aksa Moschee, die Kirche der heiligen Anna, deS heiligen JacobuS Minor, derheiligen Maria Magdalena, der heiligen Jungfrau, den Kerker dcS heiligen PerruS,das Cönaculum. Die Aksa Moschee ist ein prächtiges Gebäude in dem Basilikenstyledeö 12ten Jahrhunderts und stößt unmittelbar an»die Area des alten Tempels. Siewar einstens der Ausopferung Maria im Tempel geweiht, u^id eS ist wahrscheinlich,daß es dieselbe Stelle war, wo die seligste Jungfrau als zartes Mädchen von kanmeinigen Jahren in den Tempeldienst aufgenommen wurde und bis zum dreizehnten Jahreverblieb. Auch sind von jenen alten Tempel-Snbstructionen wahrscheinlich noch einigeReste vorhanden, schwere Bausteine von etwa sechzehn bis zwanzig Fuß Lange und inBossage behauen, die man an jener Stelle erblick«, wo sich am Freitag Nachmittagsdie Juden versammeln und den Untergang deS Reiches Israel und Juda beweinen.Wenn man diese Leute so dasitzen sieht in der Thora betend, unter tiefem Schluchzenoder lautem Weinen, wie Leute, denen augenblick ich daS größte Unglück begegnet ist,kann man sich unmöglich des Mitleids enthalten, und man möchte wünschen, raß inmancher christlichen Kirche deS Orientes jene Andacht und jener Ernst deS Gebe.'vorhanden wäre, die hier leider eine Hoffnung errichtet, welche nur dann ihreVerwirklichung findet, wenn sich Gottes Barmherzigkeit von Neuem über die Kinderder Verbeißung ergießt und sie zu dem verkannten Erlöser zurücksührt.

Die Kirche der heiligen Anna ist ein grandioses Bauwerk im Basilikenstyle deSILlen Jahrhunderts, etwa wie die Liebfrauenkirche in Halberstadt, von schönen edlen