Ausgabe 
14 (22.10.1854) 43
Seite
340
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

340

Ein Wiener Seandal.

DaS Testament deS seines Lebenswandels wegen nicht sehr gerühmten Theater-DirectorS Carl wurde in vielen Blättern, ja auch in Broschüren veröffentlich!,Äs ist dieß Aktenstück ein eigenthümliches Scandal, indem das große Vermögen aufverschiedene uneheliche, mit Namen bezeichnete Erben ganz kaltblütig vertheilt wird.Ueber die Veröffentlichung deS Testaments hat nun auch Saphir in seinemHumoristen in einer anerkennungS- aber auch am geeigneten Orte beherzigenSwerthenWeise sich unter anderm also ausgesprochen:Die Veröffentlichung seines Testamentsist ein Fehler und eine Dummheit. Wir können nicht umhin, hier unser schmerzlichesBedauern darüber auszudrücken, daß es so Hat'S wenigstens den Schein jedemersten Besten, der ein Gelüste darnach trügt, freisteht, für einen Gulden und so vieleKreuzer Abschreibgebühr jedes Testament jedes Verstorbenen der Publicität übergebenzu können! Sollte diese traurige Lücke wirklich in unserm Rechtszustande sich vorfinden?Wie? Familienglück, Ehre, Scandale, Dinge, über welche man dicht gewebte Schleierzu ziehen wünscht, sollten in die Welt geworfen werden können, von Todten undLebenden, ohne daß dagegen das Sitlengesetz einzuschreiten berufen sey? Es ist vonErheblichkeit und für tausend und tausend Menschen von unberechenbarer Wichtigkeit,zu wissen, ob sie wirklich der Gefahr ausgesetzt sind, daß ihr Testament, in welchemvielleicht Geheimnisse, die für andere verletzend, für die Oeffcntlichkeit empörend, aberals testamentarische Verfügungen zu erörtern nöthig sind, ohne weiterS nach ihremTode dcr Oeffentlichkeit preisgegeben werden können I? Der Tod eineS Menschen istder letzte Äct von seinem Leben, das Testament eines Menschen, wenn eS denneinmal schon dem Urtheil der Menge übergeben ist, daS Testament eineS Menschenist nur die Schlnßscite seines Denkens und FühlenS. Im Testament Carl findenwir überall den Th eater - D ir ect or, nirgends den Menschen, überall denGeldmenschen, nirgends den Christ! HumanilätS-Anstalten und fromme Stiftungensind von dem Besitzer desZauberschlags", sind leer von dem Inhaber einer ReiheHäuser entlassen worden! Seiner Theaterdichter, der eigentlichen Erbauer all'dieser Häuser, hat er nicht gedacht! Nestroy , der Leser wird mich keiner besondernParteinahme sür Nestroy beschuldigen!! Nestroy ist von Carl in seinem Testamentnicht erwähnt worden, Nestroy , der mit seinen drei HandlangernKnieriem",Zwirn" undLeim" die CarlSgasse in Hietzing baute! Die Selbstüberschätzungund die Geringschätzung Anderer haben Karl auch beim Abfassen seines letzten Willensdictando zur Seite gestanden. Sein jahrelanger SecretärFranz", seine rechte Handund sein linker Fnß/seiu Minister des Innern und des Aller-Aeußersten, fleißig, tüchtigwie eine Ameise, treu wie ein Pudel nicht im hündischen Sinn unermüdlichwie ein Telegraph, der blinde Vollstrecker seiner Austräge <zusnel m6me, der ihmLeib und Seele hingab, ist mit einem Stäubchen abgefertigt worden. DaSPraktischste in seinem Testament ist die Verfügung, daß die Erben vaS Theater nichtfortführen dürfen! DaS Motiv dieser Verfügung ist zwar ein bis über'S Grabhinausgehender Egoismus der Eitelkeit, aber nichtsdestoweniger ist sie eine Garantiefür die Forterhaltung der Erbschaft bei den Erben. Ja bloß daö Leben lag vor Carl,als er sein Testament schrieb, das Leben, sein Leben; sein Blick war bloß zurück indie Coulissen des Staubes, in den Souffleur-Kasten deS Allerirdischsten gerichtet!Nicht ein Wort, nicht eine Sylbe in diesem Testament weist darauf bin, daß seinVerfasser an die Bilanz zwischen Jenseits und diesseits dachte, an die Bilanz deSLebens und deS Todes, an die Bilanz der Sünde und der Tugend, an die Bilanzder Erkenntniß nnd der Reue, an die Bilanz des LeibeS und der Seele, an die Bilanzdes Irdischen und Göttlichen im Menschen! Auf der furchtbaren Schauerbrücke zwischenErdennacht und Himmelsmorgen, welche im Geiste jeder Mensch betritt, wenn er seinenletzten Willen niederschreibt, auf dieser Schauerbrücke hat Herr Director Carl an nichtsgedacht, als an die Bilanz zwischen Soll und Haben, an nichts als an die Bilanzzwischen richtigen und unrichtigen Namen! Nicht ein Wort an den Schöpfer gerichtet,