Ausgabe 
14 (22.10.1854) 43
Seite
341
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

341

nicht eine Sylbe, welche glauben läßt, daS Greisenalter wende sich am letzten Abendstrablmit Glaube und Zuversicht an das Unsichtbare! Nicht ein Buchstabe läßt glauben, daßin dem Schreiber auch nur eine instinctive Ahnung von der Beziehung des pflanzlich-vergänglichen Menschen zum Unendlichen, zum Ewigen in ibm aufstieg! Nicki einAct der Pietät, der Versöhnung durch fromme Werke, durch Wohlthätigkeit bezeichnetin diesem Testament den Augenblick, in welchem sei» Schreiber den FunduS JnstrnctuSseiner LebenS-Errata überzählend daran dachte, ihn für den Himmel ein wenig durchgute Werke zu korngiren. Im Gegentheil, die nächtliche Heerschau von den Vcrirrungenwird mit freudigem Selbstgefühl bei Fackclbeleuchtung abgehalten, nnd die Apathiefür öffentliche Meinung und für Reinigung der Seele vor dem Tode hält bis zurletzten Zeile die Oberhand. Da sich die Oeffentlichkeit, leider, dieses Themas s>t onbemächugt hat, so waren und sind wir berechtigt, es auch zu thun und schließenhiermit die traurige Verhandlung darüber,"

_

Der Tod Voltaire's .

^

(Fortsetzung,)

Unsere Leser mögen nunmehr als sreiwillige Geschworne zusammentreten, nicht,um über den Mann selbst und seine Thaten Gericht zu halten und ihm sein fertigesUrtheil inS Jenseits mitzugeben dort steht der Stuhl Desjenigen, der da spricht:Die Rache ist mein!" und:Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!" nein,sondern bloß, um die Zeugen zu prüfen, welche über die Art seines Todes ausgesagthaben. Wir, die wir dieses schreiben, gestehen offen unv unumwunden, daß wir dieseräußern, materiellen Zeugnisse nicht bedürfen, um unS Voltaire'S Seelenzustandwährend der Dauer seiner letzten Krankheit klar und lebhaft vorzustellen, da wir ausinnern Gründen, woraus wir im Laufe dieses Versuchs auch kein Geheimniß gemacht,fest überzeugt sind, daß jener Zustand auf seinem Sterbelager nur eine poienzirteWiederholung desjenigen war, den der Unglückliche an siebenzig Jahre wie eine schwereund durch ihr Gewicht schmerzende Kugel- und Ke tenlast allenthalben mit sich herum,schleppte, ohne ihrer auch nur einen Augenblick, selbst nicht im Gewühl eines rmldcnLebens, loswerden zu können. Und das kann auch gar nicht anders seyn. DerMensch hat allen Halt verloren, sobald er das Band zerreißt oder vielmehr ,»zerreißen versucht, welches daS Geschöpf mit dem Schöpser verknüpft, und z» eerHaltlosigkeit gesellt sich die Qual, weil der in noch so ercenlrischen Bahnen schweifendeDünkel das Gefühl wie das Bewußtseyn des ew gen, unwandcll'arcn Mitielpunclcübehält. Voltaire verwahrt sich zwar ausdrücklich, und zwar öfters, gegen den Verdautoder Vorwurf der Alheisterei, und spricht viel vom höchsten Wesen (I'ötrv surirSmv);allein er war ja als Christ getauft und erzogen, und kannte den dreieinigcn Go i,wie ihn die Kirche lehrt. Auch hatte er zu viel Verstand und Belesenhcit, um denHeiland für eine Schöpfung der EinbildungSkrafi irgend einer Classe vonVolfSauS-beutern" zu hallen, und zu viel Scharssinn, um den einmal historisch seststchenvcuChristus bloß für einen sittlichen und aufgeklärten Lehrer oder Moralphilosophen zuerkennen. Sein Kampf gegen den Gottmenschen und dessen vollbrachtes Werk (opusoperstum) war daher schon von Anfang an der eines Verzweifelten, der voraus weiß,daß er unterliegen wird, unterliegen muß, und seine schon entschiedene Niederluge durchgesteigerte Wuth verhehlen will. So Kaiser Julian der Abtrünnige. Die gaincMacht deS römischen Reiches freilich doch nur eine jämmerliche Ohnmacht boter auf, um daS Christenthum zu vernichten; nicht durch rohe Gewalt, deren Frucht-losigkeit ihm die Geschichte seiner Vorgänger zeigte, nein, durch Spott und Herabwür-digung, ganz s Is Voltaire , durch Wiedereinführung und Verherrlichung der Göllcrdes Olymps, und durch daS scheußliche Verbot, daS den Christen alle Quellen d,SUnterrichtes verstopfen sollte. Julian hatte Talent, Gelehrsamkeil, einen sehr scharfenVerstand, unermüdliche Thatkraft, wie Voltaire, und überdieß jchwang er das Scepter