Ausgabe 
14 (22.10.1854) 43
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der Cäsaren noch über die größere Hälfte der damals bekannten Welt; allein er schei-terte an derselben Klippe, die später Voltaire in den Abgrund stieß: er rief einenK'mpen in die Schranken, den seine Waffen, wie er auch wohl wußte, nicht erreichenkonnten, müdete sich ab in Fechterstteichen, die in die Luft gingen, sank erschöpft,entmuthigt auf sein letztes Lager, und beschloß sein junges, an unmögliche Zweckeverschwendetes Leben mit dem, mehr als der dickste Commentar sagenden Geständniß: Du hast gesiegt, o Galiläer!" Ob sein brechend Auge Vergebung erfleht, sich erhörtund beruhigt zum ewigen Schlaf geschlossen habe, daS wissen wir nicht; allein eineansmcrksame Betrachtung seiner Geschichte, von seinem geräuschlosen, den Studiengewidmeten Ausenthalt in Athen bis zu seiner Erhebung zum Cäsar und AugustuS,seine kurze RegierungSzeit mitgerechnet, läßt uns keinen andern AuSgcmg erwarten;denn sein Sircben war von vornherein ein verkehrtes nnd darum verfehltes; die vonihm selbst als solche >rkannte Wahrheit sollte auf kaiserlichen Befehl bei Allen, die sieeden so innig fühlten und noch dazu liebten, für Luge gelten. Wer dieß nicht auS 'der Acht läßt, der würde Julians Geständniß errathen, wenn eS auch nicht authentischvorläge, und ebenso würde ihm der AuSgangSpunct der Voltaire 'schen Thätigkeitgenügen, um ihren Verlauf und endlichen AuSgang durch Induktion zu ermitteln.Die Philosophen, Voltaire'S Freunde und Anhänger, die Gelegenheit hatten," ihn aufdem Sterbebette zu betrachten, sollen daS Wort zuerst haben.Die Aerzte machenkein Hehl daraus, daß alle Hoffnung ve loren sey, daß sein Leben bald erlöschenwerde, die Kunst vermöge hier nichts mehr. Er selbst schien sein nahes Ende zufühlen:Man kann seinem Geschicke nicht entfliehen; ich bin nach Paris gekommen,um zu sterben,"" sagte er zu La Harpe , der diese Details in seiner »lilerarischenCorr.spondenz" niedergelegt hat.Vor seiner Krankheit (Brief d'Sllembert's vom1. Juli 1778 an den König von Preußen) fragte er mich in einer vertraulichen Unter»redung, welches Benehmen ich ihm anriethe, wenn er während seines Aufenthaltesin Paris krank würde. Meine Ant-vort war so, wie jeder verständige Mann sie anmeiner Stelle gegeben hätte, nämlich, er würde wohl thun, sich unter solchen Umstan-den an daS Beispiel aller vor ihm gestorbenen Philosophen zu halten, namentlichFonteiulle'S und Montesquieu'S, die dem Herkommen gefolgt wären. Er schenktemeiner Antwort seinen vollen Beifall, und setzte hinzu:Ich denke eben so; mansoll mich nicht auf den Schindanger werfen, wie ich'S an der armen Lccouvreur (eineSchauspielerin vom Ili^tre lrancsis) erlebt habe."" Er hatte einen großen Abscheuvor einer derartigen Beerdigung, und entschloß sich ohne Weiteres, everitusliter unsererUebereinkunft gemäß zu handeln." Voltaire leichtste und unterschrieb den Widerruf,den Abbe- Gautier verlangte. Er hatte (nach Wagniere) über 100.000 LivreS baarzu Ferney zurückgelassen; dennoch überg ib er (nach W.) seinem GewissenSrath für dieArmen von St. Sulpice nur eine, erst nach seinem Tode zahlbare Anweisung von600 LivreS . Möglich, daß dieses Almosen ihm als Buße auferlegt worden; es warsicherlich die beste, die man ihm auslegen konnte. Den 18. December 1762 hatte eran Marquis de Thibou ille geschrieben:Man stirbt, wie man gelebt hat." Scheinter das Sprüchwort nicht durch die Geringfügigkeit jenes Legats gerechtfertigt zn haben?Eine solche Knickerei mußte wohl nicht viel Trost über seine letzte Stunde ausgießen.Ging er in seinem Geiste alle Gelegenhei en durch, wo er Unglück lindern konnte undnicht linderte, welche gegründete Aussicht hatte er da wohl, vor dem Auge eines ver-gelienden GolteS Gnade zu finden? Schon am 11. J muar 1771 meldete er Friedrich:DaS System der Atheisten ist mir stets unsinnig vorgekommen. Die Annahme einesungerechten Gottes ist meines BedünkenS eine Unverschämtheit; so viel ist gewiß,daß der Rechtschaffene nichts ju fürchten hat." Suchen wir nun zu erfahren, obVoltaire ohne GrauS den Augenblick nahen suhlte, wo er über den Gebrauch seinesVermögens und seiner Geistc?gaben Rechenschaft ablegen sollte, In dem schonangeführten Briefe d'SllembertS erzählt der Verfasser, Voltaire'S TodeStampf sey einlanger und schmerzhafter gewesen, und der Philosoph habe in seiner Krankheit großeRuhe gezeigt, obschon er ungern vom Leben zu scheiden schien: zwei