Vierzehnter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augstmrger Psjizeitung.
29. October 1854.
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Der VtneentiuS-Berein.
Stiftung, Plan und Bedeutung desselben für die Gegenwart.
ES war im Jahre l833, als in Paris mehrere studirende Jünglinge in einemSaale deS lateinischen Viertels zu gemeinsamen Besprechungen über literarische Materiensich versammelten. Sie nannten ihre Zusammenkünfte nach einem dort geläufigenAusdrucke Co ufere uzen. Viele derartige Vereine waren vor und mit ihnen ent-standen und wieder untergegangen, darum blieben sie auch unbekannt nnd unbeachtet.Wer hatte auch Zeit und Lust, an eine Gesellschaft junger Leute viel zu denken, daganz andere Interessen das öffentliche Leben beherrschten! Drei Jahre vorher war jaunter immensem Applaus der liberalen Meute das legitime Königthum zum zweitenMale gefallen, das Bürgcrtbum konnte nun statt deö verhaßten Ad.ls sich behäbigsonnen in den Strahlen seines BürgerkönigS, der VoliairianiSmuS erhob von Neuemsein Haupt uud die Genoseva muhte in dem zu ihrer Ehre erbauten Tempel „allenGöttern" weichen, die statt ihrer min dort ihren Einzug feiern scllten, Voltaireund Rousseau voran, deren cynische Leiber die ehedem geweihte Stätte besudelten.Die Kirche von Frankreich trauerte tief, eö schien, als sollte der alte gottlose GeistdeS Unglaubens und der Frivolität mit allen Mitteln wieder herausbeschworen werdenund von Neuem blutelen ihre kaum vernarbten Wunden.
Der Mensch denkt, Gott lenkt. Da fiel ein zündender Funke höhernLebens herab von Oben und ein heiliges Feuer flammte aus in den Herzen der achtJünglinge dort im lateinischen Viertel zu Paris , gerade dort, wo der PhilosophiSmuSseine meisten Jünger zählte. Sie machten sich aus, wie vor Jahren einst jene Zehnunter ihrem Führer JgnatiuS von Loyola, Studirende der Universität Paris wie sie,und rcich-en sich die Hände zur Verbrüderung. Sie wollten die Noth ihrer leidendenBrüder lindern, sie wollten dem armen, verlassenen, verwahrlosten Volke Hilfe bringen.DaS aber ist der Jugend eigen, daß jedes edle und erhabene Wort Wiederhall findetin den Seelen, darum schlössen sich mehr und immer mehr Studirende dem Bunde derJünglinge an, aus der medicinischen Anstalt und der Rechtswissenschaft, von denpolytechnischen und Militärschulen kamen sie herbei in immer weitern und wciternKreisen, Beamte, Officicre, Notare und Advocaien, Kami»crmitglicder — Alle gezogenvom Geiste heiliger Liebe reihten sich ihnen an, sie wollten dem armen, verlassenen,verwahrlosten Volke Hilfe bringen. Sie gingen hinaus am Abend — nicht in strah-lende Säle und glänzende Gesellschaften, nickt zu geistreichen Abcndversammlungenund den hell erleuchteten Theatern, wo Alles sich vereinigt, um die jugendlichen Sinnezu berauschen — sie gehen in die verödeten, verrufensten Gassen der Stadt, in dieseHöhlen deö menschlichen Elendes, sie trösten dort den Kranken auf seinem Strohlager,sie spenden Almosen, so weil ihre Kräfte reichen, nehmen die verwaisten Kinder aus,