Ausgabe 
14 (29.10.1854) 44
Seite
346
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

346

bringen den Gefangenen christlichen Zuspruch und suchen für die Arbeitslosen Brodund Beschäftigung, Sie wollten dem armen Volke helfen, aber sie wußten, daß sieihm nur helfen können dadurch, daß sie eS zu einem sittlichen Volke machen. Aberalle Bemühungen für die Sittigung der Massen hielten sie für umsonst, wenn diesenicht auf religiösen Grundlagen ruht, die tief hineingelegt sind in die Herzen. Siewollten einen starken Bau aufführen, darum ihn nur auf den Fels des Glaubensgründen und nicht auf Philanthropie, dieses wankende, schwankende, ncbelhaf'e Ding.Und darum wählten sie einen Priester zu ihrem Vorsitzenden, um durch die Weihe derReligion sich im Voraus des Gelingens zu versichern. Nun sahen sie sich um in derGeschichte von Frankreich ; da erschien ihnen ein Mann groß durch den Adlerblick seinesGeistes, groß durch die unbeugsame Energie seines Willens, aber noch größer durchdie Glut heiliger Liebe im Herzen. Es war ein Heiliger. Er sollte ihr Vorbild undihr Beschützer werden, und sie nannten sich nach ihmDie Gesellschaft deS heiligenVincentius von Paula."

AuS dem Schooße der studirenden Jugend von Paris ging ein Männerbundhervor, der Europa vor der Häresie gerettet hat. Dreihundert Jahre später ging vonhier ein zwener Männerbund aus, um die Gesellschaft zu retten von CommuniSmusund Socialismus. Ihr Zweck ist ein anderer, eine andere ihre innere Organisation,denn die Gefahren sind andere; aber die Stelle ist die nämliche, das lebende Principist die katholische Glaubenökraft und ihre himmlische Tochter, die rettende Liebe.

Der NincentiuSverein, aus Tausenden von Mitgliedern bestehend und über ganzFrankreich verzweigt, hat Großes gewirkt; eine noch größere Zukunft steht ihm bevor.Schon in dem ersten Jahrzehent seines Bestandes waren anderthalb Millionen Frankenan die Armen vertheilt worden, nachdem die ersten Jahre kaum einige Tausend Frankenergeben hatten. Dann aber mehrten sich die Einnahmen in steigender Progression.Im Jahre 1833 waren eS nur 2000 Franken. Im Jahre 1840 schon 96,000, imJahre 1841 - 142,000, im Jahre 1842 232,000, - im Jahre 1843322,000, im Jahre 1844 447.000. Aber er hat bei seiner weiten Entfaltungsein niedriges Herkommen und die unscheinbaren Anfänge nicht vergessen, auS denener entstanden ist. Darum nennen sich die einzelnen ZweigvereineConferenzen", siewollen bei ihrem ausgebreiteten Wirken den Segen, den Demuth bringt, nicht verlieren.

Der charakteristische und fast ausschließliche Zweck des VinceutiusvereinS zu Anfangseiner Gründung war die Besuchs-Armen pflege.

Der Verein erkennt und betrachtet diese seine besondere Aufgabe nicht als Ergebnißmenschlicher Wahl und Berathung, sondern als besondere providentielle Leitung GotteS .ES ist dieß, wie der Bericht vom 8. Mai 1851 besagt, duS gemeinsame Feldzeichen,an welchem sich die einzelnen Abtheilungen erkennen, wie die auf viele Posten vertheiltenSchaaren des einen Heeres. Es unterscheidet sich sonach das großartige Wirken desVincentiuSvereins in dreifacher Hinsicht wesentlich von der öffentlichen und amtlichenArmenpflege.

Einmal erscheint jede, auch die geringste seiner Gaben, als reiner Ausflußfreier christlicher Liebe, die auS Mitleid sich über die Armen erbarmt, nährt sonachan der Brust deS Hilfsbedürftigen die sanften Gefühle der Dankbarkeit, während dieBeiträge" (!), welche der Arme cmS den öffentlichen Cassen regelmäßig empfängt,in ihm einen scheinbaren Rechtsanspruch begründen, darum nicht selten nur seineUnzufriedenheit mehren und statt deS DankgesühlS finstern Trotz und empörende Undank-barkeit zur Folge haben. Zweitens beschränkt sich die Wirksamkeit des Vereins nichtauf die Darreichung einer augenblicklichen Unterstützung, sondern er betrachtet diese nurals eines der vielen Mittel, deren er sich zur Linderung der Noth bedient. Der vor-züglichste Hebel für Erleichterung der Noth aber ist die persönliche Einwirkung derMitglieder, die einen Reichthum von geistigen und materiellen Hilfsquellen für alleVerhältnisse und Lebenslagen deS Armen in sich birgt, den unerschöpflichen Reichthumder heiligen Liebe, welche Wort und That, Einfluß und Vermögen, die Kraft undder Scharfsinn ihres Geistes, die Wärme ihres Herzens, die Beredsamkeit ihres Mun-