347
deS aufbietet, um den Armen zu retten, die den Hochmüthigen durch ernste Worteniederschlägt, den Faulen ausstachelt, den Gebeugten emporrichtet durch linde Rede undden Verzagten beruhigt. Drittens endlich unterscheidet sie sich von jeder ofsiciellenArmensorge dadurch, daß sie dem Spender selbst ein eben so großcs Almosen, wiedem Empfänger bietet, Sie öffnet sein Herz den edlen Gefühlen heiliger Luve, siezeigt ihm edle, heilige Seelen unter der ranhen Hülle der Armuth, die ihn mit Rüh-rung und Staunen erfüllen; sie heiligt ihn selbst, indem er arbeitet an der Heiligungseiner Brüder, beschenkt und bereichert ihn mit jenem Lohne , der den Barmherzigenverheißen ist. Jene Seligkeit im Herzen tragend, die im Geben liegt, da ja „Gebenseliger ist, als Nehmen," geht das Mitglied des VincentinSvercius heraus aus derniedern, dumpfen Wohnung des Armen, hinweg vom SchmerzenSbette deS Sterbenden.DaS Almosen ist himmlischer Thau für den, der gibt, irdischer Thau für den, derempfängt, sagt Herr von Barante in den „Annalen von der christlichen Liebe," Siebietet dem jugendlichen Thatendurst ein weites offenes Feld und gräbt dem innernStrome jugendlich frischer Begeisterung ein tiefes Bett, daß er nicht seine Dämmeüberfluthend, ringS umher Alles verwüstet und verheert.
Ein Schreiben Papst Gregors XVI. vom Jahre 1845, welches den VincentinS-Verein durch Verleihung von Ablässen auszeichnete, hat den von Anfang an demVereine innewohnenden ächt kirchlichen Charakter vor aller Welt ausgesprochen undbesiegelt.
Der Besuch des Armen in seiner Wohnung ist nach dem Gesagten der eigent-liche Brennpunct, um den die ganze Thätigkeit des Vereins sich ordnet, von hier ausRichtung uud Bedeutung gewinnt. Denn wer sich niedersetzt zu dem Armen an seinenhäuslichen Herd, sagt ein Bericht vom Jahre 1844, wer da sein ganzes Elend, seineLeiden und seine Entblößung sieht, der kann bei solchem Anblicke unmöglich kalt, glcich-gillig^ bleiben. Hier erzählen sie uns die Geschichte rhreS Unglücks, diese oft uuunter-trochene Kette von Leiden uud harten Schlägen deS Schicksals, Wir folgen ihnenbis zur erste» Quelle ihrer Mißgeschicke, entdecken die letzten, oft verborgenen Ursachenund gewinnen nnr so die richtige Einsicht und Kenntniß der sichern Mittel, durchwelche wir ihren Nothstand heben oder wenigstens erleichtern können. Von der Woh-nung deS Armen ans öffnet sich uns der Blick uud wir schauen weithin über eingroßes, ausgedehntes Land voll Noth und Elend, Jetzt erst enthüllt sich uns dieArmuth in ihrer ganzen furchtbaren Größe. Wir glanbtcn ein gutes Werk zu thun,einen Verein für mildthätige Zwecke gestiftet zu haben; aber ein Abgrund rief demandern zu, ein Werk veranlaßte das andere, ein Keim weckte nene Pläne, Von derDachstnbe führte die Noth den Besucher in die Werkstätte, in die Schule, iu daSSpiral, in das Gefängniß, in die Bewahranstalt und es sind so die verschiedenenWerke christlicher Liebe nur die einzelnen Strahlen, die von diesem Brennpuucte heiligerLiebe nach dem weilen Umkreise deS ganzen socialen Lebens anSgehen,
So umfaßt denn die Gesellschaft deS heiligen VincentinS von Pcmla in denmannigfaltigen, aber immer in organischer Gliederung ihm sich einfügenden Einigungenalle Siufen und Nuancen deS menschlichen Elendes. ES sind dieß die einzelnen klei-nern Capellen, den einzelnen Nothständen deS Volkes geweiht, aber über alle wölbtsich der weite erhabene Dom heiliger, rettender Liebe, Keiner hatte den Plan für denganzen Bau erfunden, Keiner hatte den Grundriß vorgezeichnet; es ist eine böhereFügung, die in seiner Geschichte sich offenbart, und ihr schreibt der Verein allen Segenzu, der seit Jahren durch ihn geflossen ist über das Volk und unläugbar als vorzüg-lichster Factor die gegenwärtigen besseren Zustände verbreitet, Darnm verkennen dieMitglieder auch keinen Augenblick die hohe, bedeutungsvolle Mission, die der Vereinan dem Geschlecht der Gegenwart zu erfüllen hat. „Gott hat unsere Mühen gesegnet,"spricht der Berichterstatter, „aber denken wir deßwegen noch nicht daran, zu rasten.Auch daS Elend rastet nicht, die Propaganda der Gottlosigkeit schreitet voran, daSLaster kennt keinen Stillstand. Arbeiter im Weinberge deS Herrn, Streiter im Kriegs-heere Jesu Christi , müssen wir kämpfen und arbeiten ohne Rast! Unsere Mission ist