Ausgabe 
14 (29.10.1854) 44
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zu groß, als daß wir uns Ruhe geben könnten; nein, im Angesichts von Hunger undNoth, im Angesicht? dieser unheimlichen Symptome, dieses schlecht verhaltenen Grim.meS, dieses glühenden HasseS gegen die Gesellschaft, welche deS Egoismus und derKorruption bezüchtigt wird, im Angesichts dieser neuen Barbarei, die heraus gerufenwerden soll, um die Welt zu läutern, vor diesen Verheerungen, grauenhafter als ehe-dem die Züge der Ungläubigen nur Ein Mittel bleibt unS, die Gesellschaft undBildung und Gesittung zu retten, und es ist nichts Anderes, als rückhaltlose Hingebungzur Linderung des Elendes, zur Bekämpfung der Unsitte. Wir müssen den Gegnerentwaffnen, dadurch, daß wir ihm jeden Vorwand zu seinem Hasse aus den Händenwinden. Wohlan denn, Christen! Gott will eS haben, darum hat er unser Werkgesegnet, Gott will eS haben! Die heilige Liebe, daS ist unser Kreuzzug im 19tenJahrhundert!"

Der Tob Boltaire'S.

(Fortsetzung.)

InVoltaire'S Leben" rückt Douvernet offener mit der Sprache heraus:Herrvon Villevieille schreit ihm in'S Ohr:Ihr Beichtvater, Herr Gautier, ist da!""und der Philosoph antwortet zur großen Verwunderung der Zeugen seiner Agonie:,,Abb6 Gautier, mein Beichtvater? empfehlen Sie mich ihm bestens."" Darauf wurdeder Pfarrer angemeldet. Beim Wort Pfarrer richtet sich der Sterbende halb auf,reicht ihm die Hand, ergreift die deS Seelsorgers, küßt sie und spricht:Ehre meinemPastor!"" Diese Stellung, diese Liebkosung, diese wenigen Worte schienen Letzten»zu sagen:Herr, quälen Sie mich nicht."" Allein der Pfarrer fragt ihn von Neuem,und zwar in nicht sehr festem Ton:Herr, erkennen Sie die Gottheit Ehristi an?""Und Voltaire , sterbend, mit offener Hand und gestrecktem Arm, wie um den Pastorzn entfernen, antwortet mit lauter, fester Stimme:Herr, lassen Sie mich ruhigsterben!"" Der Pfarrer wiederholt seine Fra^e, und spricht ihm nochmals von derGottheit Christi . Da rafft der Philosop'? alle seine Kraft zusammen, entfaltet zumletzten M.il den Ungestüm seines Charakters, und stößt ihn mit der Faust zurück,wobei man die Worte hört:Im Namen GotteS, reden Sie mir doch nicht vcndem Menschen!"" Das waren Voltaire'S letzte Worte. Man darf mit Recht versichern,daß, auf vie Ungeduldsäußerung, die durch die Zudringlichkeit deS Pastors veranlaßt,wurde, eine große Ruhe eintrat, und daß Voltasre zwei Stunden später mit derGelassenheit und Ergebung eines Philosophen starb, der zum großen Wesen eingeht."Zwei Tage vor diesem traurigen Sterbsalle (VVsgniere, me'inoii-es) holte Abb6Mignot dm'Pfarrer zu St. Sulpice und den Abb6 Ganticr in das Zimmer deSKranken, dem er meloete, AbbS Gautt'er sey da.Nun denn,"" sagte der Patient,meine Empfehlung und meinen Dank an ihn."" Der Abb6 sprach einige Worte zuihm und ermähnte ihn zur Geduld; darauf trat der Pfarrer au5 St. Sulpice näher,gab sich ihm zu erkennen, und fragte ihn mit erhobener Slimme, ob er die Gottheitunseres Herrn Jesu Christi anerkenne? Der Kranke fuhr nun mit einer Hand nachdem Käppchen des Pastors, stieß ihn zurück, und rief, indem er sich rasch umwandte:Lassen Sie mich in Frieden sterben!"" Der Pfarrer ging darauf mit Abbe Gauu'erweg. Als sie fort waren, sagte Herr v. Voltaire :Ich bin deS TodeS!"" Diesergroße Mann starb mit der größten Gelassenheit, nachdem er die grausamsten Schmerzenausgestanden. Zehn Minuten zuvor, ehe er den letzten Seufzer auöstieß, faßte erseinen Kammerdiener Morand, der bei ihm wachte, bei der Hand, und drückte sieihm mit den Worten:Adieu, lieber Morand, ich sterbe "" Das waren Voltaire'Sletzte Worte." Da La Harpe , Grimm, Douvernet und Wagniere während deS Besuchsder beiden Geistlichen nicht in Voltaire'S Zimmer waren, so ist eS angemessen, nach-stehende Zeilen des Beichtvaters anzuführen:Wir traten in'S Gemach deS Herrnvon Voltaire, sagt Abb6 Gautier. Der Pfarrer zu St. Sulpice wollte zuerst" mit ihm