Ausgabe 
14 (29.10.1854) 44
Seite
349
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

349

reden, allein der Kranke erkannte ihn nicht. Ich versuchte eS mm meinerseits ihnanzureden; er drückte mir beide Hände, und gab mir Beweise von Vertrauen undFreundschaft; aber ich gen'ech sehr in Erstaunen, als er zu mir sagte:Herr Abl>6Gautier, ich bitte Sie, mich dem Herrn Abb6 Gautier bestens zu empfehlen."" Sofuhr er fort, mir Dinge ohne allen Zusammenhang zu sagen. Da ich sah, daß erirre redete, so sprach ich weder von Beichte noch von Widerruf. Ich bat seine Auge-hörigen, mich benachrichtigen zu lassen, sobald er wieder zu sich käme, was sie mirauch versprachen. Ach! ich halte mir vorgenommen, den Kranken wieder zu besuchen;allein schon früh am nächsten Morgen erfuhr ich, drei Stunden nach unserm Weg-gänge sey er verschieden." Abb6 Gautier ist nicht so anSführlich, wie die Pbilosophen;er beweiset aber, daß Wagniere sich hinsichtlich deS Besuchstages der beiden Priestergeirrt hat. Die Anekdote vom Käppchei? findet sich nur bei W allein, und eS bleibtdem Leser überlassen, ob er sie für wahr oder für eine Erfindung deö Erzählersansehen will. Mehrere Stunden liegen zwischen der Entfernung deS Beichtvatersund Voltaire'S Tod. Welche» Gebrauch machte der Sterbende von seiner Vernunft,nachdem daS Phantasiren vorüber war? Alle seine Freunde haben nnS so eben ver-sichert, er sey bis in die letzte Stunde hinein vollkommen ruhig gewesen. Kanu nnddarf der Historiker bei ihrem Zeugniß stehen bleiben? Nein; denn eS sind andereAutoritäten vorhanden, die eS entkräften. Formey (Souvenirs cl'un eitoven") berichtet,Voltaire habe seine Laufbahn in schrecklicher Verzweiflung beschlossen. In derXouvelleKevus enevclopeclic;ue" kommt folgende Stelle vor:Man hörte sagen, Dr, Trauchi»,der Herrn v. Voltaire behandelte, und ihm bis zn seinem letzten Athemzuge bcigestauden,habe sich besonders über die vcrzweiflungsvolle Raserei entsetzt, die Voltaire in dieserverhängnißrollsten aller Lagen geäußert, er, der sich selbst die Heilsmittel und Trö-stungen geraubt hatte, die man aus der Religion schöpfen kann. Der Patient schrieimmerfort:Herr, helfen Sie mir da heraus!"" worauf Tronchin nothgedrungcn ebenso einförmig antwortete:Ich vermag nichts, Sie müssen sterben"" Die Wortepreßten dann dem Sterbenden den Sckmerzensruf auS:So bin ich denn von Gott und den Menschen verlassen!'"' Der Doctor, ein Protestant, sagte laut und oft: erhätte zur Bekehrung der Ungläubigen nichts anders gewünscht, alssie am Sterbebett Voltaire'S versammeln zu können und zu Zeugender gräßlichen Angstqualen desselben zu machen, welche nach seinerMeinung einen liefern Eindruck auf ihren Geist und ihr Gemüthbewirkt haben würden, als die rührendsten Reden und lichtvollstenoder überzeugendsten Schriftwerke." Pater Harel erzählt in seinemiieeueilcle» psrticularites curieuses cle Is vie et cle li» mort ele Voltsire":Nachdem derPfarrer zu St, Sulpice und Abb6 Gautier fort waren, fand Volta're's Arzt, HerrTronchin , den Kranken in schrecklicher Gemüthsbewegung; er schrie wie ein Rasender:Ich bin von Gott und den Menschen verlassen", griff in seinen Nachltopf und ver-zehrte den Inhalt, vr. Tronchin, der dieses Factum verschiedenen achtbaren Personenerzählte, that dieß immer mit dem Zusätze: Ich wünschte, Alle, die durch Voltaire'S Bücher verführt wurden, wären Zeugen seines Todes gewesen; eS ist unmöglich, beieinem solchen Schauspiele nicht in sich zn gehen. Chaudon wiederholt diese Erzählung,und bemerkt dazu,nichts sey glaubhafter. Reizbare Phantasien seyen von Naturreligiös, besonders wenn sie früh mit den vortrefflichen Grundsätzen der Religiongenährt worden. Voltaire habe daher gewiß seine letzte Stunde nicht so ruhig undglcichgiltig schlagen hören, wie seine Anhänger behaupten, zumal andere Zeugnisse dasGegentheil darthun. Möge er im gesunden Zustande nicht geglaubt haben, so wäresein Unglaube doch wankend und seine Krankheit sicher nicht ohne Zweifel gewesen.Wer aber zweifle, berge wider Willen Schrecken und Verzweiflung in seinem Busen."

Barruel (HelvienneS") verweist an P. Harel, und führt dann den Prälatende VivierS an, zu dem Tronchin eines TageS sagte:Rufen Sie sich die ganze Rasereiund die Wuthanfälle deS Orestes ins Gedächtniß zurück, so haben Sie doch nur einmattes Bild von denen Voltaire'S während seiner letzten Krankheit." In seinen