Ausgabe 
14 (29.10.1854) 44
Seite
350
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Mmoires" ist Barruel ausführlicher:Der Biograph fürchte hier nicht zu übertreiben.Was für ein Gemälde er auch entwerfen mag von den WuihauSbrüchen, Gewissens-bissen, Vorwürfen, Ausrufungen und Lästerungen, die sich während einer langenKrankheit auf dem Lager des sterbenden Gottlosen ablösen, selbst die Genossen seinerGottlosigkeit werden daS grellste Coloril nicht Lügen strafen, Ihr gezwungenes Still-schweigen wiegt die zahlreichen Zeugnisse und Denkmale der Geschichte über diesen Tod,den fürchterlichsten, ver je einen Gottlosen getroffen hat, nicht auf, oder vielmehrjenes Stillschweigen von Männern, denen so viel daran liegen muß, unsere Zeugnisseals falsch darzustellen, ist ihre urkundlichste Bestätigung. Auch nicht ein einziger vonden Sophisten hat die Kühnheit gehabt, dem Haupt ihrer Verschwörung die geringsteFestigkeit beizulegen, ihm auch nur die Ruhe eines Augenblicks zu vindiciren in denlangen drei Monaten, die von seiner Krönung im'^trs sran^sis" bis zu seinemTode verflossen. Dieses Stillschweigen ist beredt; eS sagt deutlich, wie sehr ein solcherTod sie demüthigte." Um den letzten Satz zu verstehen, muß man sich erinnern, daßdie meisten Schriften der Philosophen, woraus wir Stellen angeführt, erst mehrereJahre nach BarruelS ,Mmoirk8" erschienen. Dieser Autor fährt also fort: D'Alem-bert, Diderot und zwanzig andere Verschworene, die sein Vorzimmer belagerten,nahten ihm jetzt nicht mehr, ohne Zeugen ihrer eigenen Demüthigung in der ihresMeisters zu seyn, und nicht selten wurden sie unter Verwünschungen und Vorwürfenvon ihm zurückgewiesen.Fort mit euch! fuhr er sie an, ihr seyd schuld an meinemZustande. Fort mit euch! Ich konnte euch alle entbehren, ihr mich nicht; welch'unseligen Ruhm verdanke ich euch!" Diese Verwünschungen wider seine Adepten riefendie grausame Erinnerung an seine Verschwörung (gegen Christus und Christenthum )in ihm wach, und dann konnten seine Jünger mir eigenen Ohren hören, wie er, vonAngst und Schrecken gefoltert, diesen nämlichen Gott, den frühern Gegenstand seinerAnschläge und seines Hasses, abwechselnd nannte, anrief und lästerte. Mit langgezogenen Tönen, der Stimme des nagenden Gewissens, rief er bald:JesuS Christus !JesuS Christus!" und bald klagte er, von Gott und Menschen verlassen zu seyn.Die Hand, die dem schwelgenden Belsazar das vernichtende Mene Tekel an die Wandschrieb, schien jetzt Voltaire'S Augen seine eigene Formel:Zertritt doch den Schänd-lichen!" als VerdammnngSurtheil vorzuhalten. Vergebens suchte er die grausenhafleErinnerung zu verscheuchen, stets war sie da, leuchtend wie Phosphor in ver Nacht;denn die Zeit war gekommen, wo er demSchändlichen" verfallen, von ihm gerichtet,vielleicht von seinem Fuße zertreten werden sollte! Seine Aerzte, vor allen Tronchin,kamen, um ihn zu besänftigen, und gingen wieder, um zu bekennen, sie hätten daSgrausigste Bild des sterbenden Gottlosen gesehen. Der Hochmuth der Verschworenenwollte vergebens solchen Bekenntnissen wehren. Tronchin sagte vor wie nach, dieRaserei deS Orestes gebe nur einen schwachen Begriff von der Raserei Voltaire'S .Marschall Richelieu, der Zeuge einer solchen Scene war, floh eiligst davon und sagte:In Wahrheit, daS ist zu stark; man kann'S nicht aushalten." Der berühmte Deluc,dem vorstehende Beschreibung später zu Gesicht kam, schrieb unterm 23. October 1797von Windsor an den Verfasser (Barruel):WaS Sie bei Gelegenheit eines Umstan-deS, der mit allen anderen zusammenhängt, vom Tode Voltaire's berichten, kann ichals wahr bezeugen. Bei meiner Anwesenheit in Paris im Jahre 1731 kam ich öftersmit einer von den Personen zusammen, die Sie nach dem öffentlichen Gerücht alsGewährsmann anführen; diese Person war Herr Tronchin. In Vollaire'6 letzterKrankheit ward Tronchin zu ihm gerufen, und aus dem Munde dieses Arztes weiß ichAlles, waS damals in und außerhalb Paris über den schrecklichen Seelenzustand desgrauen SündcrS beim Herannahen deS TodeS erzählt wurde. Als Arzt that HerrTronchin alles Mögliche, um dessen Aufregung zu stillen, deren Heftigkeit jede Arzneiunwirksam machte; seine Bemühungen blieben fruchtlos, und daS Grausenhaste diesesganz eigenthümlichen Wahnwitzes zwang ihn, den Bedauernswürdigen aufzugeben.Ein so gewaltsamer Zustand in einem hinfälligen Körper kann nicht lange währen;Gefühllosigkeit, ein Vorbote der sich auflösenden Organe, muß naturgemäß darauf