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liebende Mutter, nimmt dem königlichen Hanse ein unersetzbares, durch den Verlusterst recht schmerzlich vermißtes Kleinod — und wir können nicht rechten mit demEwigen, wir können nickt sagen: Herr, warum hast du uns dieß gethan, warumliegt deine Hand so schwer ans uns, warum mußtest du bis inS innerste Leben, bisins innerste Herz unseres Vaterlandes greifen? — Der Herr hat eS gethan, beugenWir unsere Kniee vor dem, dessen Name Geheimniß, dessen Ratbschlüsse unseren irdischenAugen umwölkt! Er wollte vielleicht unsere.gefeierte Königin Tberese vorkommendenschweren Zeiten schützen, oder sie war bereits gereift für ein besseres Jenseits, oderihre Hinnahme sollt- vielleicht ein Opfer der Sühne seyn, das unser Vaterland zubringen hatte — genug: eS ist irgendwo eine stille Gruft, der Lärm der Welt mitseinen Schallwellen schlägt nicht hin, das Tosen der Weltercignisse wird dort nichtvernommen, Friede herrscht dort und ein heiliges Schweigen; nur von Zeit zu Zeitöffnen sich die Thore, und es zieht ein ein neuer Gast, und er legt sich zur Nnhe infürstlicher Pracht, »ach wie vor zittert der ewigen Lampe Licht, von künftiger Aufer-stehung weissagend, und eS herrscht das vorige Schweigen, In diese stille Gnist nunist auch die verblichene Königin Theresia eingezogen und hat sich niedergelegt zumTodeoschlummer; beihaut ist ihr Sarg von den Thränen eiueS tren-liebenden Volkes,von den heißesten schmerzlichsten Thränen eines königlichen Gatten und königlichenSohneS, eingewiegt ist ihr Sarg von den Glockeuklängen eines Königreiches, umwehtvom Balsamonfte heiliger Gebete und frommer DankiSergießnngen, verklärt vom Lichteeineö reinen, königlichen, mit den Edelsteinen zahlloser guter Werke hingebrachtenLebens — und an diesen Sarkophag lehnt sich die Geschichte Bayerns in sinnigerGestalt, um in ihre ehernen Tafeln dieses reiche Leben einzuzeichnen. Und auch wirwollen nicht fehlen, Geliebieste, auch wir wollen unS anschließen der großen ernstenStrömung eineö >ra»erb.weiten Volkes, wir wollen unserer verblichenen Fürstin daöletzte Lebewohl, die letzte Huldigung bringen. Sie war ja unsere Mutter, wie wirihre Kini-er; ibre königliche Würde war mit dem Streben, unS Mutter zu seyn, aufdas Innigste verschmolzen, sie trug .eine Krone, aber Heller als die Edelsteine in der-selben schimmerten die reinen wohlwollenden Gefühle, die sie hegte gegen ihr Volk;sie trug einen Scepter, aber es war der milde Scepter einer mütterlichen Sanftmuthund Liebe, und als sie Krone und Scepter niedergelegt, war sie innerlich doch nochunsere Königin, unsere liebende und geliebte Mutter!
Gerne würde ich, geliebteste Trauerversammluug, in detaillirter Ausführung, inAuszählung ctarakreristischer Züge daö reiche Leben der gefeierten Königin ThereseJl',rem Geiste vorführen, wenn ich nickt fürchtete, einerseits dieser großen und schwerenAusgabe nur unvollkommen zu genügen, und anderseits: gerade durch diese Nerein-zeluug von Charaktcrzügen jenen Totaleindruck zu schwächen, wie er bereits bei Vor-stellung dieser königlichen Erscheinung Ihrem Gemüthe innewohnt. Nur Eines willich erwähnen, nur Einen Ton anschlagen, weil er der Grundakkord jenes geliebtenund gefeierten Herzens war, das nun nicht mehr schlägt. Ich sage: das menschlicheHerz kann eigentlich nur für Eines leben, von Einem Streben getragen und beseeltseyn. AIS im Jahre 1557 durch die kühne Wassenlhat des Herzogs von Guise derSchlüssel Frankreichs , die Stadt und Festung Ealais für die Engländer verlorenging, war die Königin Maria von England schlechterdings nicht zu trösten, ein Jahrdarauf lag sie auf dem Sterbebette und brach hier in die schmerzlichen Worte aus:„Wenn ihr nach meinem Tode meine Brust öffnet, so wird der Name Ealais inmein Herz geschrieben stehen" — so war die Ehre der englischen Nation mit demPulcschlag dieser Köuigiu Eins gewesen. Wir loben, wir bewundern ein solch könig-liches Herz, allein um wie viel mehr müssen wir das Leben und Streben unsererFürstin Theresia loben, indem sie füglich sagen konnte: „Wenn ihr nach meinemTode meine Brust öffnet, so werden tau end Namen von Armen und Nothleidendenin derselbe» verzeichnet stehen." Ja, diese Liebe zu den Armen, dieser Drang, demmenschlichen Elend liebeselig zu begegnen und die Wunden desselben zu verbinden, dieseSehnsucht, zu geben und wieder zu geben und immer zu geben, dieses Hochgefühl, im