aber sprach am Ende ein entschiedenes Wort. Jetzt stellen ihmdiese Bcgcgnissc unter ganz anderem Lichte sich dar, als damals;jetzt wurde er denjenigen, über welche er in der Hitze des Kam-pfes unbarmherzig herfuhr, vielmehr danken, daß sie denselbenerhoben; denn die „Betrübniß" hat sich in „Freude" verwandelt-,uud jetzt, da „die fricdcbringcnde Frucht der Gerechtigkeit" gereiftist, erkennt er in jenen Borgängen „die Unterweisung zu dem,was nützlich, um seine Heiligung zu erlangen."
Ucbcrzcugt, daß Gott von Kindesbeinen au, wenn gleich aufweitem Umwege, ihn dahin habe führen wollen, wo er jetzt steht,muß er jenen Hader als den Wcndepunct betrachten, von dem aussein Weg endlich vic entschiedene Züchtung gewann. Denn damalsschon, als n.ich dem ersten Sturm zu reifer Ucbcrlcgung Rübe ge-wonnen worden, nnd im Verlauf der nachfolgenden Zeit immermehr, bot der Umstand, daß jener Kirchcnbcsuch, welcher allemNachhcrigen den ersten wahrnehmbaren Anstoß gab, mit dem Ge-burtstage zusammcnsallc, Stoff zu vielfachem Nachdenken. Hierinblieb die Erinnerung immer haften; und wenn für alles Anderein den Verhältnissen, in den gegenüberstehenden Individualitäten,in den eigenen Bestrebungen die zureichenden Gründe gesundenwurden, so blieb in diesem Zusammentreffen Etwas, worüber sichweder hinwcgschrciten ließ, noch was durch irgendwelche Combi-nation erklärt werden konnte; man mochte es das erste, aber un-vertilgbarc, Glimmen nennen, welches im Verfolge zum hellenLichte erstarkte.
Dr. Hurter erkrankte mit seinem ganzen Hanse; zwei innigstgeliebte Töchter nahm Gott zu sich; in mehr als einem schwei-zerischen Kloster wurden Gebete um deren. Genesung, gleichwieum die scinige, veranstaltet; diejenigen, mit denen er über drei-ßig Jahre in der engsten Verbindung gestanden, deren allseitigeInteressen er mit der freudigsten Hingebung stets verfochten, er-wiesen sich allermindestens als höchst thcilncihmlos; Viele derer,welche man gegen ihn aufzuregen gewußt hatte, erlaubten sich diegehässigsten Reden; der Pietismus jubilirte, als er mit drcischnei-digem Dolche noch in dem Herzen des Vaters wühlen konnte.Sollen die Bäume nach der Rinde und nicht vielmehr nach derFrucht gewürdigt werden? Soll die entgegenkommende Liebe ihrAnrecht auf des Menschen Herz an die kalte Gleichgültigkeit —um nicht mehr zu sagen — abtreten? Sollten so entgegengesetzteErfahrungen den Menschen stumpfsinnig in der Mitte stehen las-sen? Haben auch dieselben ihre anziehende Kraft nach der einenSeite nicht alsbald mit vollem Einfluß entwickelt, so führten siedoch Dr. Hurter bald genug zur klaren Einsicht, daß Friede mitDenjenigen, die einmal in solcher Weise ihm sich gegenübergestellthatten, nicht anders herznstcllen wäre, als wenn er unter das un-erträglichste Joch, welches Beengung anflcgen wollte, sich schmiege.War hier eine Wahl möglich ? Er warf Würden, Stellen, Ein-künfte von sich und trat in den Privatstand, gegen den Protestan-tismus, der entweder als Nationalismus alle Dogmen bestreiket,oder als Pietismus mit der Moral es nicht so gcncin nimmt,gleichgültig geworden, ohne darum mit allen Lehren der katholi-schen Kirche einverstanden zu seyn.
Können aber an einem denkenden, arbeitsfreudigcn, mit vol-ler Muße begnadigten Manne vier volle Jahre spurlos vorüber-gehen, ohne ihn vorwärts oder rückwärts zu treiben? Das wirdschwerlich Jemand behaupten wollen. Alles wohl überlegt, hattedie göttliche Leitung vorwärts getrieben, gezogen; sie wollte, siekonnte nicht rasten, das eigene Bestreben mnßte ihr entgegen-kommen. Dircct, mit Absicht, entweder auffordernd oder mah-nend, haben bicr Menschen nicht gewirkt. Es verbreitete
sich über die gcsammtc Lebensbahn seit deren ersten Anfängenimmer helleres Licht, und die Frage, woher und wozu dieses Al-les? durste nicht länger in den Hintergrund treten. Es wurde,über den Ursprung der Glanbcnstrennung, ihre Beweggründe,die Mittel, sie zn stabiliren, zumal in England , über dcrcnEinflnßauf die politische Gestaltung der Länder mehr als eine SchriftM Hand genommen. Es lagen aus der nächsten Umgebung Be-weise genug vor, wie der Radikalismus gegen die katholische Kir-che schäumt, indeß er den Protestantismus, als seinen Zweckenunhindcrlich, gewähren läßt, wohl gar in innige Verbrüdcruna mirdemselben tritt. Die unbestreitbare Thatsache, daß katholische Nvl^kcr, die aus die Bahn der Revolution getrieben worden sind, wie-der umzukehren vermögen, indeß protestantische immer weiter aufderselben sich verrennen, daß katholische Individuen, die von ihrsich berücken ließen, weit eher wieder zur Genesung gelangen, alsprotestantische, nnd diese in dem Maaß nur, als sie nicht in Feind-schaft gegen die katholische Kirche gehetzt sind, diese Thatsachedurste ebenfalls nicht unbeachtet, die Frage: woher dieses? eben-salls nicht nnerörtcrt bleiben.
Großer Einfluß gewann der Anblick des Kampfes, welchen diekatholische Kirche gegenwärtig beinahe in allen Ländern zu beste-hen hat, und die Würdigung der Parteien, der Mittel, die vonbeiden Seiten angewendet werden.
Trotz dessen ließ sich das Wehen eines bessern Geistes, vondem nicht kann gesagt werden, von wannen er kömmt, nicht ver-kennen; läßt sich nicht übersehen, daß die Kirche anch da, wo mannoch so beflissen ist, sie zurückzudrängen, an Terrain gewinne; daßdie wider sie geführten Streiche zu S-gnungcn werden, und alleBemühungen der Gewaltigen, HorazenS Wort von der schlimmernNachkommenschaft schlimmer Vorsahren hier zur Wahrheit zu ma-chen, wider alles Erwarten fehlschlagen. Anncbcn war leicht zubemerken, wie Wesen nnd Leben jener Geistlichen, deren Bestrebendahin geht, die Kirche zu verflache», das Gefügc ihres Baues zulösen, ihre hehre Gestalt ans den winzigen Maaßstab ihrer Auf-klärung zu rcducircn, dem Wesen nnd dem Leben derjenigen ge-genüber in die Wagschalc gelegt, welche man durch das WortUltramontane verschreien zu können wähnt, das Zünglein auf derenSeite treibe. Dieses Alles zusammengenommen bot Stoffes ge-nug, ernstlich über eine Institution nachzudenken, welche aus demKampfe wider so viele vereinigte, offene und verkappte, Feindenur verjüngt und erträstigt hervorgeht.
Anncbcn wurde nachgeholt, was srüher versäumt worden! dasStndinm der Dogmen, wobei des scharssinnigen MöhlerSSymbolik wesentliche Dienste leistete. War der Glaube an eineunmittelbare göttliche Einführung des Christenthums von jeherunvcrrückt festgehalten worden, so mußte das Vorgebe»: in seinerLauterkeit habe es bloß drei Jahrhunderte bestanden und sey erstnach Verlauf vou zwölf andern Jahrhunderten durch einen in Wi-dersprüchen sich verwickelnden Mönch und durch einen in Ehebruchund Vergeudung sich wälzenden König ans dem Wust menschlicherZuthaten glücklich wieder heransgcgrabcn worden, eine ernste Prü-fung sich gefallen lassen. Ein verklärtes Hanpt der Kirche, welchesdieselbe durch so lange Zeit aller Verunstaltung preisgeben^, dannzur Herstellung in ursprüngliche Reinheit so sonderbarer Pcrsön>lichkciten sich hätte bedienen können, erschien als ein höchst seltsa-mes Haupt. Dabei konnte die Zerrissenheit der mannigfaltigen pro-testantischen Sccten, deren Zertrennnng in den wesentlichsten Lehren,deren alleinige Einigung in dem negativen Elemente des Hassesund der Opposition gegen die Kirche, >, endlich die gähnende Kluftzwischen dem ersten ÄuSgangspunct nnd dem jetzigen Standpunct