Leibe des Wort Gottts, und jetzt, so oft ein menschlicher Munddie Worte wiederholt, die ihre Mutterschaft ankündigten, bewegtsich ihr Her; in der Erinnerung eines Augenblicks, der nichtsAehnlichcS im Himmel und aus der Erde hat, und die ganzeEwigkeit wird von dem Glücke durchdrungen, welches die Him-melskönigin empfindet.
Obgleich aber die Christen immer gewohnt waren, ihr Herzin solcher Weise zn Maria zu erheben, so war doch mit demuralten Gebrauche dieses Grußes weder eine bestimmte Regel nochFeierlichkeit veibunden. Die Gläubigen versammelten sich nicht,um solchen ihrer vielgeliebten Beschützerin darzubringen, sondernjeder folgte dabei einzeln dem besondern Aufschwünge seiner Liebe.
Dominicus, der die Macht der Vereinigung im Gebete wohlkannte, hielt es für nützlich, sie auf den englischen Grnß anzuwen-den, und glaubte, daß dieser gemeinsame Ruf eines ganzen ver-sammelten Volkes mit großer Kraft zum Himmel aufsteigen werde.Die Kürze der englischen Worte selbst erforderte es, daß sie ineiner gewissen Zahl wiederholt würden, jenen einfachen Zurufengleich, womit dankbare Völker den Weg geliebter Fürsten bedecken.Die Wiederholung konnte aber leicht Zerstreuung des Geistes ver-ursachen, und Dominicus beugte diesem dadurch vor, daß er dieGrüße in mehre Absätze vertheilte und mit jedem derselben denGedanken an eines der Geheimnisse unserer Erlösung verband,worin wir nach einander Gegenstände der Freude, der Trauer unddes Triumphes der allcrheiligsten Jungfrau erkennen. Auf dieseWeise vereinigte sich die innere Betrachtung mit dem öffentlichenGebete; und indem das Volk seine Mutter und Königin begrüßte,folgte es ihr im Kerne seines Herzens überall bei den hauptsäch-lichsten Ereignissen ihres Lebens nach. Und um den dauerndenBestand und die Feierlichkeit dieser Bittweise noch mehr zu sichern,bildete Dominicus eine besondere Bruderschaft.
Der fromme Gedanke des Heiligen wurde mit dem größtenaller Erfolge, mit einem wahrhaft volkstümlichen, gesegnet. Daschristliche Volk hat sich demselben von Jahrhundert zu Jahrhun-dert mit unglaublicher Treue hingegeben. Die Bruderschaften desRosenkranzes haben sich ins Unendliche vermehrt, und es lebtkaum ein Christ auf der Welt, der in seinem kleinen Rosenkranzenicht ein Bruchstück jenes durch alle Welt sich fortziehenden allge-meinen Rosenkranzes besäße. Wer hat nicht am Abende in deneinfachen Dorfkirchen die tiefe» Stimmen der Bauern in zwei Chö-ren den englischen Gruß hersagen gehört? Wer ist nicht denProccssionen von Wallfahrern begegnet, die, in ihren Fingern diePerlen des Rosenkranzes bewegend, sich den langen Weg durchdie abwechselnde Wiederholung des Namens Maria versüßen?Immer, wenn eine Sache zum dauernden Bestände und zur Allge-meinheit gelangt, birgt sie in sich eine geheimnißvollc Harmoniemit den Bedürfnissen und Geschicken des Menschen. Darum magder blöde Rationalist lächeln, wenn Reihen von Menschen an ihmvorüberziehen, die immer ein und dasselbe Wort aussprechen; wemaber ein helleres Licht aufgegangen ist, der begreift, daß die Liebenur ein Wort hat, und daß es keine Wiederholung ist, wennsie es immer ausspricht.
Bekenntnisse eines Convertiten.
Ein früherer Kandidat der protestantischen Theologie, I. G.Aorneck, sagt im Schles. Kirchenblatt unter obigem Titelunter anderm: j
„Wohl wird es nicht erst eines Beweises bedürfen, daß dergegenwärtige Zustand der protestantischen Kirche ein sehr bcklagens-werther sey, der von denen gerade am tiefsten gefühlt wird, diees am aufrichtigsten und besten mit ihr meinen. Die innere Zer-rissenheit und Zersplitterung derselben und der damit zusammenhän-gende Verfall des religiösen Lebens wird öffentlich und fast allge->mein eigestanden, wenn man auch gern zugeben wird, daß sie nochviele achtungswerthe und kenntnißreiche Männer unter ihren Mit-gliedern zählt, die es für Verrath und Feigheit achten, sie imAugenblicke der Noth zu veilasscn, weil sie von der Zukunft hoffen,was die Gegenwai t nicht zu bieten vermag. Allein diese Hoffnungkonnte ich nicht theilen, weil sie nach meiner Ueberzeugung jedesGrundes entbehrt. — Abgesehen von dem Widersprüche im Prin-zip der Reformation, der auf jede folgcnrcchte Fortbildung und Ent-wickelung nothwendig seinen Einfluß äußern, und immer von NeuemWidersprüche erzeugen muß, die doch sicher kein Kriterium der Wahr-heit sind; abgesehen von der mangelhaften Berechtigung in ihremUrsprung, die durch landesherrliche Bestimmung wohl nicht ergänztwerden konnte, und die bis auf den heutigen Tag Unsicherheit,zahlreiche Verlegenheiten und Mißgriffe zur Folge hat: — wo istdie heilige Hinterlage des Glaubens, welche Christus seiner Kircheanvertraute? Worin besteht ihre Uebereinstimmung mit der Kircheder ersten drei Jahrhunderte, die doch als Muster und Vorbildvon ihr anerkannt wird, die aber von dem göttlichen Geiste alsodurchdrungen war, daß selbst unter Druck und Verfolgung keineihrem eigentlichen Lebenskern feindselige Richtung in ihr aufkommenkonnte, und jeder Krankheitsstoff aus dem gesunden Körper sogleichausgeschieden wurde? Ja, meine getrennten christlichen Brüder!der Erbfeind unsers Geschlechts hat euch geführt bis an den Randdes Abgrundes; und es wird euch nichts übrig bleiben, als denWeg wieder zurück zu machen, wenn ihr ihm nicht noch weiterfolgen wollt. Aber werfet vorerst ab jene traurige Mitgabe einerbeweinenswerthen Vergangenheit, jenes Gemisch von Haß, Mitleidund Verachtung gegen Alles, was den Namen „katholisch" an sichträgt, das in seinem ersten Beginn allerdings den Reformatoren zurLast fällt, aber erst in dem Kampfe um die Existenz zu der riesen-haften Ausdehnung wuchs und eine feste Gestalt gewcm; lasset alldazurück jene Sammlung von gut oder schlecht erfundenen Geschichten,die euch so übel anstehen, jene Fabeln von dem Verderben der altenKirche, ihren Menschensatzungcn und ihrer Verweltlichung, eine aller-dings schwer verletzende Waffe, die aber kaum mit der Noth ent-schuldigt werden kann, welche sie euch in die Hand gab. Mit einemWorte, gebet auf die gcsammte protestantische Tradition, welche trotzder freien Forschung, auf Treu und Glauben angenommen, und vomVater auf den Sohn, von einem Geschlecht auf das andere fortge-erbt wird, obgleich sie keinen andern Rechtstitcl aufzuweisen hat, alsden der Verjährung, deren man sich bis jetzt als leitende Norm bei derAuslegung des Evangelii bedient, die noch heute sonst achtungswertheGelehrte in die Irre führt. Allerdings ist es keine geringe For-derung, die hier gestellt wird; es wird damit verlangt, den eigent-lichen Lebensnerv zu durchschneiden, das Einheitsband eurer Kirchen-gcmeinschast zu zerreißen, und die Schranken zu durchbrechen, wel-che euch von der allgemeinen Kirche trennen. Aber bald muß die Ent-scheidung des großen Rechtshandels eintreten; die Acten werdenbald geschlossen seyn; wir bitten Gott , einen furchtlosen und ge-rechten Richter zu erwecken.