Ausgabe 
5 (2.3.1845) 9
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Nassen und Schichten dcr Gesellschaft zu durchdringcn begann,mußte es offenbar allen denjenigen Katholiken, die, dem kirchlichenLeben entfremdet, und in ihrem inneren Leben ersterben, sich gege»die neue Bewegung verschlossen hatten, bei ihrem bloß äußerlichenVerbände mit der Kirche unheimlich zu werden beginnen. Bisherhatten sie sich als bloße Namcns-Kathvlikcn bei dem weit verbrei-teten Unglauben und der großen Kälte in Sachen dcr Religion inihrem W.'scn gar nicht genirt gefühlt. Aber der immer mehrerwachende Glaube, das immer mehr ringsum sich her kräftigendereligiöse Leben machte, daß sie immer mehr vereinsamt und hall>los dastanden. Dadurch verwandelte sich ihre frühere Glcichgiltig-kcit für den Glauben in Haß und Feindschaft gegen denselben,und es nmßtc ihnen am Ende jede Gelegenheit, mit ihrer Kircheauch äußerlich zu brechen, willkommen und erwünscht seyn. Hierhaben Sie meinen Maaßstab, die Bedcutuug dcr Vorgänge inSchncidcmühl, Breslau und anderen Orten zu würdigen und zuverstehen. Sie sind kein bedenkliches Spmptom für die katholi-sche Kirche . Es ist viclnichr ein Zeugniß von dem in ihr neugckräftigten Lebe», daß sie stark genug ist, alles ihr Ungleichartige,alles Gestorbene und Erstarrte von sich auszuscheiden. Wo einesolche Ausstoßung des Heterogenen vor sich geht, da muß dcrEntwickclungsproccß ein gesunder und kräftiger seyn. Wohl mö-gen, wenn die öffentliche Macht sie begünstigt, die Vorgänge zuSchncidemühl sich noch an manchen Orten wiederholen. Dennwo wäre wohl eine Stadt, wo nicht irgend ein Residuum aus derfrüheren Zeit des Unglaubens und der Gesinnungslosigkeit zurück-geblieben wäre, das von dem Wesen eines besseren Geistes nichtmitcrgrifscn, und also todt und stumvs geblieben ist? Aber mö-gen diese immerhin von dcr Kirche abfallen; sie befreien durch ihrenAbfall die Kirche nur von einer großen Last, und veranlassen tietreue» Glieder, sich nur inniger und lebendiger an die Kircheanzuschließen. Das Ausscheiden der schlechten und erstarrtenTheile ist eine nothwendige Bedingung für das Anschließen neuerund lebendiger Kreiste an die Kirche. Wenn die Bäume beschnit-ten, und ihrer dürren Acstc und Wassersprossen erledigt werden,dann treiben ihre neuen Zweige und tragen bessere und reichlichereFrucht. Betrachten Sie nur die von der Kirche Abgefallenen,einen Ronge, Czcrski, Milvc, Müller u. a. dergl.; sind sie wohlMänner, auf deren Urtheil ein Gewicht zu legen wäre? Wärensie Männer von tiefem Glaubensbedürfniß Männer von her-vorragender Intelligenz oder hoher Sittlichkeit, dann freilich müßleihr Verlust für die Kirche schmerzlich seyn. Aber Alle, denen eintieferes Glaubcnsbedürfniß innewohnt, habe» sich wieder mit dcrKirche versöhnt, die Wissenschaft huldigt dem Glauben, und allebürgerliche uud gesellige Ordnung schließt sich wieder enger an dieKirche an. Aber der hohle Unglaube, daö Laster und die sittlicheFeigheit erklären ihr den Krieg. Das ist gewiß ein Zeugniß fürdie kathol. Kirche, worauf dieselbe stolz seyn kann. Was soll ichaber nun sagen über das Benehmen mancher Protestanten in dieserAngelegenheit? Ein Priester wird wegen unsittlichen Lebenswandelsvon seiner rechtmäßigen geistlichen Behörde abgesetzt; er kündigtseiner Obrigkeit den Gehorsam auf, und will sich in der prote-stantischen Kirche mit der entehrten Person trauen lassen,während die unglücklichen Eltern des verführten Mädchens feier-lich dagegen vrotcstircn, und sogleich erhebt sich in den Zeitun-gen das wildeste Sicgcsgcschrci ü!'cr den Sieg des Lichtesüber die Finsterniß, uud Czcrski wird als Reformator gepriesen.Rouge, ein wegen seiner Vergehen suSpendirtcr Priester, ein Mannvon den allcrmittclmäßigstcn Anlagen, tritt öffentlich gegen dieLehre dcr katholischen Kirche und gegen einen der ehrwürdigsten

Bischöfe Deutschlands schmähend auf, und Adressen preisen ihn alseinen Mann, der den größten Männern aller Jahrhunderte sichwürdig an die Seite gestellt. Man wollte dadurch die Katholikenkränken und erniedrigen; aber konnte die Erniedrigung derer,die Ronge und Czcrski erhoben, wohl größer seyn? Wahrlich,es war die höchste, die allerhöchste Zeit, daß Hengstcnbcrg undandere Protestanten zur Ehrenrettung ihrer eigenen Kirche sichg gen Rongc'S und Czerski's Treiben erhoben. Der Kampf gegendie Trierer Wallfahrt war und ist nicht ein Kampf gegen diekatholische Kirche allein, sondern gegen den Glauben überhaupt,und das gegen die katholische Kirche erhobene Schwert fällt nundoppelt verderblich auf die zurück welche cS erhoben haben."

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In Breslau, Leipzig, Berlin , Elberfcld begeben sich jetztwundersame Dinge. Laienconcilien treten zusammen und entschei-den per ms^ora über die Cardlnalpuncte des neuen Glaubens.Ein solches Verfahren empfiehlt sich als verständig bei Berathun-gen über Gesetze und Eisenbahnstatuten; da eS sich aber bei Glau-benSgcmeiuden nicht von einer Majorität der Ansichten, sondernvon ciner Einheit der Ueberzeugung handelt, so dürfte die Propa-,gationSkraft eines durch schwarze und weiße Kua/lu zusammcngc-würselten Credo'S wohl Bedenken unterliegen. Bisher ist ein neuervölkerbcgcifternder Glaube überall nur aus der Einsamkeit großerGeister und Herzen geboren worden, und hat erst so, als fertigeThat eines Einzelnen in das geschichtliche Leben eintretend, dieGemüther ergriffen, die Massen mit sich fortgerollt. Man hatdaö Unzulängliche einer solchen Debatte in ihrer Anwendung aufdie göttliche» Dinge auch wohl gejühlt und darum schlirßlich be-stimmt, daß wegen einzelner Meinungsverschiedenheiten Niemandaus der Gemeinde ausgeschlossen werden soll. Mit dicscr Erklä-rung steht man auf dem Boden der religiösen Autonomie, d. h.des Protestantismus . Dahinaus zielt auch der vogmatischc Inhaltder neuen Lehre, so wie der Grundriß dcr kirchlichen Verfassung,welche ihre Bckcnner sich geben wollen. Von den Sacramcntender alten Kirche werden nur zwei anerkannt, Taufe uud Abendmahl;letzteres jedoch nur als Symbol einer geistigen Vereinigung mitChristus, als LiebcS- und Gedächtnißfeier, nicht im katholischen Sinn eines durch das Wunder der Transsubstantiation sich wieder--erzeugenden Opfers. Auch die Ehe verliert den sacramcntalenCharakter, doch behält sie den einer heiligen, von der Kirche ein-zusegnenden Handlung. An die Stelle der Tradition als ver-pflichtender Erkenntnißquellc, tritt das individuelle Recht freierForschung; das Papstthum, die Priesterweihe, die Ehelosigkeit derGeistlichen, die Ohrenbeichte werden schlechthin verworfen. Istdas nicht Protestantismus ? Wenn man mit dem Primat denCentralpunct dcr Verfassung, mit dem Ordo und Cölibat dieHierarchie, die Autorität des pricstcrlichen Standes und sein Ver-hältniß zu den Laien, mit dcr Ohrcnbeichte das wichtigste Mittelder persönlichen Scclsorge, mit den Sacramcnten die Praxis deskatholisch-religiösen Lcbcns, mit der Tradition eine dem geschrie-benen Wort gleichstehende Erkenntnißquellc im katholischen Christen-thum verwirft, was, fragen wir, trennt, was unterscheidet dieBckcnner dieser Lehre von denen dcr protestantischen Kirche? Aller-dings noch Einzelnes, die bisher beibehaltene Messe zum Beispiel;jedoch ist klar daß auch hierin, nachdem man den katholisch-mysti-schen Begriff der Eucharistie aufgcgcbcn hat, kein Moment eineswesentlichen Unterschieds gefunden werden könne. Eben in dieserinnerlichen Identität mit dem Protestantismus liegt aber ein sach-