Ausgabe 
5 (13.7.1845) 28
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der

Augsbttrger

Zweite Jahreshälfte.

M- S8.

Ppstzeitung.

IS Fuli 1845»

Der gute Pater Thomas.*)I.

Derjenige Fremde, der während der Jcihre 1815 bis 1825Florenz besuchte, und dem die höhern Cirkcl offen standen, wirdzuweilen in den Salons der vornehmen Welt einen freundlichenalten Herrn, aus dessen Augen so recht die Seele sprach, ange-troffen haben. Seine Kleidung zeigte es schon an, daß er demgeistlichen Stande angehöre, aber mehr noch als sein ehrwürdigesGewand und seine Stellung verschafften ihm seine viele Tugenden,sein menschenfreundlicher Charakter Zutritt in alle vornehmen Fa-milien und Niemand wurde in ihren geselligen Kreisen mit größe-rer Verehrung, innigerm Zutrauen empfangen und behandelt wiedieser alte geistliche Herr. Wo er sich auch zeigte, es mag in demHause eines Fürsten, Grafen , Staatsministcrs oder Generals ge-wesen seyn, bcwillkommte ihn der Hausherr mit aufrichtiger Herz-lichkeit und die Dame von Haus, selbst wenn sie noch jung undschön gewesen, unterhielt sich mit Niemanden lieber als mit ihm;die jungen Leute beiderlei Geschlechts umringten ihn mit zutrauens-voller Ehrfurcht, ihm am liebsten all ihre kleinen Angelegenheitenanvertrauend und selbst die kleinen Kinder hüpften ihm fröhlichentgegen. Sollte sich zufällig dieser Fremde auch in die von demMittelstand oder den armen Classen bewohnten Häuser in Florenz verirrt haben, so fand er auch dort nicht seltener die Gelegenheitdiesen alten, freundlichen geistlichen Herrn mit seinem gutmüthigenGesichte anzutreffen; und auch dort wurde er mit derselben Ver-ehrung und Liebe behandelt, auch dort war sein Benehmen ebenso menschenfreundlich und Vertrauen erweckend, wie in den erstenund vornehmsten Cirkcln. Aber wer war denn dieser so allgemeinhochgeachtete, überall gerne gesehene, von Jung und Alt, Vornehmund Gering geliebte und verehrte Mann? Es ist der gute PaterThomas gewesen, und in ganz Floren; gab es kein Hauö, vomPalazzo Pitti , der Residenz des Grvßherzogs an, bis zur niedrig-sten Hütte, wo dieser Name nicht mit Ehrfurcht ausgesprochenWorden wäre.

Mögcn Diejenigen, die es nicht begreifen wie es einen Men-schen geben konnte, der ohne Neider, Verleumder oder geheimeFeinde durch's Leben gewandelt seyn sollte, immerhin ihre Köpfe

Pater Thomas war ein Salzburger von Geburt.

! ungläubig schütteln, es bleibt dennoch wahr, daß Pater Thomasweder Neider, Verleumder noch Feinde gehabt, und zwar hatte erdeßhalb keine Neider, weil er selbst Niemanden beneidete; keineVerleumder, weil er von allen seinen Bekannten, wie und wo erkonnte, nur Gutes sprach; keine Feinde, weil er keines MenschenFeind gewesen; und obwohl gegen sich sehr strenge, war er gegendie Schwachheiten seiner Nebenmenschcn nachsichtig, darum geschahes, daß selbst der Lcrdorbcnste sich dem guten Pater Thomas nichtohne Ehrfurcht nahte, und daß die bessern Menschen aus allenStänden ihm mit aufrichtiger Verehrung und liebevollem Zutrauenentgegenkamen.

In seinen jüngeren Jahren trieb ihn reine Menschenliebenach den Urwäldern Amerika'S , wo er während zwanzig Jahre alsMissionär den wilden Indianern das Wort des Heils verkündet,und durch sein Beispiel, seinen tugendhaften, wahrhast christlichenLebenswandel unter ihnen bekräftiget hat; und ist es ihm auchnicht gelungen, alle die er gekannt zur christlichen Glaubenslehrezu bekehren, so haben sie ihn doch alle wie ihren Vater geachtetund verehrt, er hat sie alle wie seine Kinder betrachtet und be-handelt. Wie viele barbarische Mißbräuche hat er bei ihnen nichtbeseitigt, wie viele Menschenleben, die unter ihren Msscrn alsOpfer ihrer Rache oder sonstiger grausamen Gebräuche verblutensollten, nicht gerettet. Besonders suchte er in die für alles Gutenoch mehr empfänglichen Gemüther den Keim christlicher Tugendenzu pflanzen, aber auch bei ven Erwachsenen bestrebte er sich dieErkenntniß des wahren GotteS zu erwecken, ihre rohen Sitten,Gebräuche und Gewohnheiten zu vcredlcn. Sie Alle, Alt wieJung, waren aber davon überzeugt, daß Pater Thomas nur ihrBestes wünsche, darum liebten und achteten ihn selbst diejenigenIndianer, deren wilve Leidenschaftlichkeit oder schon zu tief einge-wurzelte Vorurthcile seiner Ncligionslchrc unzugänglich blieben, undließen sich von ihm in allen andern Sachen willig leiten. Eswar ein Riesenwerk der Menschenliebe das er unternommen. Aufalle Bequemlichkeiten die uns Europäern zur zweiten Natur gewor-den, mußte er verzichten, unzähligen Gefahren muthig entgegensehen, von einem Indianer Stamm zum andern ohne Rast undRuhe wandern, Waldungen durchziehen, worin Tiger und Hyänenauf Beute lauer», steile Berge übersteigen, wo ein einziger Fehl-tritt ihm Verderben drohte, oder tiefe Moräste durchwaten, die ihn