sam bei der Hand, zieht sie mit sich hin, daß ihr Flehen mitseinem Seufzen sich vereine. Das Herz weiß, daß Maria nichthilft, nur mit ihm und für es bittet. Hat es dann sein Seufzenbeendigt, so erwartet es volle Erhörung, Erlösung, Erbarmungdoch nur von dem Lamm Gottes , „welches dahin nimmt die Sün-den der Welt," und es wendet sich an dieses, welches um seinerMutter willen Erhörung, Erlösung, Erbarmung ihm nicht ver-sagen wird. Also auch hier wieder der Sohn vor der Mutter,über der Mutter; und das übersieht, vergißt auch der Beschränk-teste, auch das Kind nicht; denn so aller Unterweisung bar, sozur Neligiousübung bloß abgerichtet, darf man, wie Manche möch-ten glauben machen, das italienische Volk sich nicht denken.
In welchen Illusionen über Unwissenheit des gemeinen Volkesin Italien man immerhin sich wiegen möge, so unwissend ist auchder Unwissendste nicht, daß es ihm unbekannt wäre, daß diehöchste, und tagtäglich in allen Kirchen und von allen Priesternbegangene Feier, die heilige Messe, einzig und allein auf dendrcimaleinen Gott sich beziehe; daß er, wenn er derselben beiwohne(die Zahl derer aber, welche dieses einzig auf den Sonntag undeinige der vornehmsten Feste beschränken, mag sehr gering seyn),vor dem Drcimaleinen knie, zu dem Drcimaleinen bete, und die-jenige Person der Dreieinigkeit gegenwärtig wisse, die uns zumHeil Mensch geworden ist. Er ruft mithin nicht nur täglich denSohn an, sondern er nahet sich dem Sohn und der Sohn nahetsich ihm; er steht täglich in dessen und nicht in der Mutter wesent-licher Gemeinschaft; er ist darüber gar nicht im Ungewissen, wemcr die Gnadcnwirlung des heiligen Opfers zu verdanken hat, die-weil er während der ganzen Handlung mehr als einmal hört undversteht, daß Alles ihm zu Theil und wirklich und wahrhaft zuTheil werden möge dnrch „Jesum Christum, Gottes ciugeborncnSohn, der in Gemeinschaft des heiligen Geistes mit dem Vaterregieret von Ewigkeit zu Ewigkeit." Wird dabei die «selige,glorreiche, allezeit jungfräuliche Gottcögebärcrin Maria" ebenfallsgenannt, so weiß jedes Kmd, daß ihr erst die nachfolgende Stelleaugewiesen ist. Gleiche Bcwandtniß hat es mit dem Noscnkrauz,der am Abend gebetet wird, und dem gewöhnlich der Segen folgt.Jener wird mit Eifer gebetet, der wahre Werth aber auf diesengelegt, die Mutter zwar gepriesen, die gchcimnißvolle Gnadenwi^-kung aber von dem Sohn erwartet, in dem alsbald von demganzen Volk aus dem kanAuo lin^ua angestimmten Itaniumerxo dieses bezeugt, in dem darauffolgenden ^vililvri Zvnitociuvabermals der Dreimalcinc verherrlicht.
Der Glaube an die persönliche Gegenwart Christi im AltarS-sacramcnt und die hicoon unzertrennliche tägliche, ja stündlicheAnbetung derselben ist so innig in die ganze Anschauungsweiseeines italienischen Katholiken verflochten, so unabweisbares Bedürf-niß desselben, so der Pfeiler seines Glaubens, daß mir einst derberühmte Pater Ventura sagte: es hätten ihn Viele zu jeder Zeitversichert, mir die Gewißheit, Christum in ihrer Nähe zu haben,mache sie glücklich, und sie würden der Verzweiflung anheimfallen,wenn der Gedanke möglich wäre, daß der Glaube an diese Gegen-wart sich anstrcitcn ließe. Wie läßt sich bei solcher Ueberzeugungund bei der hier berührten Praxis die Anschuldigung rechtfertigen,cS würde des Sohnes weniger gedacht, als der Mutter? Treteman im Vorübergehen in die nächste Kirche, während die heiligeMesse cclcbrirt wird, alsbald muß man sich überzeugen, daß dieAnwesenden dieser genau folgen, in dieselbe mit aller Innigkeitverflochten sind; schwerlich wird cS einem Einzigen einfallen, wenn
der Ministrant zum Sanotus klingelt, statt zu Gott, zu Mariasich zu erheben, oder das Noa culps statt an den Sohn an dieMutter zu richten.
Manchmal des Nachts hört man in den Straßen Rom'svon Vorüberwandeludcn daö Lvivs, Nuria singen, aber vergessenwir nicht, daß es immer mit dem: <z eiri I-, ere» schließt. Wo,wann und in welcher Art der Christ die heilige Jungfrau Preise,nie kann dieses geschehen, ohne daß nicht immer dessen zugleichgedacht würde, den auch sie verherrlicht hat, und der unendlich,alle menschlichen Begriffe übersteigend, höher steht als sie. Amletzten Abend der Maienandacht hörte ich in der Kirche der Thcati-ncr eine ausgezeichnete Predigt des v. Ventura über die allcrhci-ligstc Dreieinigkeit. Er behandelte dieses schwierige Thema miteiner Klarheit, mit einer Faßlichkeit, daß der Hochgebildete wieder Ungebildete sich wahrhaft erbaut finden mußte, und eS wohllein schöneres Zeugniß geben konnte, daß cr die Geister undHerzen zu fesseln verstehe, als die Stille und Ruhe, welche vonAnfang bis zu Ende über der dichtgedrängten Zuhörerschaft inder großen Kirche waltete. Bin Schluß berührte cr den Rosen-kranz unv wies dabei einlcuchtknd dar, daß es unmöglich sey,denselben zu beten, ohuc zugleich an die höchsten Geheimnisse, diean die Person des Erlösers sich knüpfen, dringlich erinnert zuwerden, mithin jeder Vvrwurf, als würde über der Mutter derSohn vergessen, verschwinde.
Das nun ist wieder einer der Fälle, in welchen leicht gefaßteund möglicher W.ise durch den ersten Anschein genährte Vornrthcilcvor genauer Erforschung, ctwclchcm tiefer gehenden Umblick undparteiloser Prüfung in sich selbst zerrinnen.
München , 15. Aug. Die Klage über den Mangel einergründlichen Anstalt zur Ausbildung im Kirchcngcsange ist eine nichtunbegründete. Selbst in hiesiger Residenz ist der Mangel an tüchtigenSingknabcn ein fühlbarer, und viele, die sich an die Zeiten der Klösternoch erinnern können, gedenken der scgcnbringcudcn Klosterschulcn, anwelchen talentvolle Knaben auch im Gesänge ausgebildet, zur Verherr-lichung des Gottesdienstes durch ihre klingenden und kräftigen Stimmenbeitrugen. Dieses Bedürfniß erkennend, gründete der j- Hofsänger Löhlemit höchster Genehmigung 1832 dahier eine Centralsingschnle, in wel-cher reifere Knaben nnd Mädchen (nach eigenem Lchrplane) nach Pcsta-lozzischer Methode im Gesänge gründlich nntcrrichtct wurden. Nachdessen Tode durch Hvssänger Mittcrmair und Capcllmeistcr Lachner fort-geführt, wurde sie im vorigen Jahre als städtische Singschule, im An-fange des heurigen Jahres, nachdem sie ein Jahr sistirt wurde, neu er-öffnet, nnd die Leitung derselben dem durch seine kirchlichen Compositio-nen rühmlichst bekannten Priester, Fr. Koch, k. Schulinspectvr und Bc-ncficiat an der Dompsarrkirchc dahier übertragen. Am 9. d. M. hieltmm dieselbe im Prüfnngssaale wieder ihre erste öffentliche Prvduction,deren erfreuliches Resultat den regen Eifer des Vorstandes und der bei-den Gesauglchr-r Frisch und Rößle beurkundete. Die einzelnen Stückewnrden zur allgemeinen Zufriedenheit ausgeführt. Ich habe die freudigeGewißheit, daß für uns, rn Kirchengesang aus dieser Pflcmzschule gründ-lich unterrichtete Sänger hervorgehen, die mit geziemendem Anstandeund rcligivsir Haltung zur Verherrlichung Gottes in seiner Kirche bei-tragen, und so in etwas ersetzt werde, was die Gesangschulen in Klösternund Chorstiften geleistet.__
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