Ei» Dissidenten - „Gottesdienst" in Al;ei.
Vom DonncrSberg, 1. Oct. Ich begab mich am 28.vorigen Monats in Die Nachbarstadt Alzci, um daselbst bei derErthcilung dcö heiligen Sacrainentes der Firmung durch den hoch-würdigsten Bischof von Mainz gegenwärtig zu seyn und so einerFeierlichkeit anzuwohnen, die für diese Stadt unter den dermalendaselbst obwaltenden religiösen Wirren von mehrfacher Bedeutungseyn musztc. Nachdem ich diesen meinen Zweck erreicht, die schöneOrdnung, den kirchlichen Sinn der katholischen Alzcier bewundertund die treffliche Rede des hochwürdigstcu Bischofs, die bei all
^Zeichen der Erlösung äußerlich zu machen, wie es Art der Röm-linge ist, worauf unter schmelzenden Accorden die Gemeinde ihrschmachtendes „Amen" aushauchte. Jetzt hörte man ein einleiten-des Lied mit einer dem neuen Mainzer Choralbuche entnommene»!Melodie; der Geistliche spricht nunmehr das Sündenbekenntniß inpomphaften Phrasen und intonirt sein „Herr erbarme dich unser,"das der Chor unter Begleitung hinkend und lahm nachschnitte;dann ein abermalig Lied um gnävtge Erbarmung, in das meinjovialer -Legleiter mit mir herzlich einstimmte (versteht sich in demSinne, daß der Herr recht bald die Fülle seiner Gnade über dieIrregeleiteten herabsenden w lle, zur Erkenntniß der Wahrheit,ihrer cmschieccn katholischen Fassung nicht ein, auch nur im Ent->die sie von sich gestoßen in frevelndem Höhne). Winter singt nunftrntcstcn die abgefallenen Neuerer kränkendcS Wort enthielt, mit-, sein „Eh'e sey Gott in der Höhe" und der Chor antwortet:angehört, — die weitere Schilderung will ich einer geübteren Feder> „Frjcde Den Menschen" :c., unbekümmert darum, daß gerade erüberlassen, — begab ich mich in eine-, Gasthof und vernahm da-^ und Consorten von demselben Schlage Unfrieden ausstreuen; wiederselbst, daß auch die T»sse»ters Nachmittags „Gottesdienst " abhal-!cin Lied verkündend dcö Allmächtigen Ehre, wobei Winter, alslcn würden. Begierig mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenes r,c Gnneindeglieder ans dem Geleise kamen, mit einer Achilles-Ohren zu hören: beschloß ich der Versammlung anzuwohnen und ^stimme cingriff und sie so viel als thunlich in Ordnung zu brin-
bceilc mich, Ihnen das Resultat mitzutheilen.
Auf das Local des abzuhaltend,» „Gottesdienste
gen suchte; er sang sodann der Gemeinde sein: „Herr sey mit euch"aufmcrk-^und diese erwiderte: „und mit deinem Geiste." Darauf folgte
sam gemacht, fand ich dasselbe auf Alzci'S westlicher Seite in «ein Lied, Evangelium und Epistel und eine tief ergreifende Prc-cincm Gart'N^äuochcn, das ehedem zur Freimaurerloge gedient digt. Die Vernunft wird darin zur Göttin erhoben, nach weilandhaben soll. In diesem kaum 70 — 8» Personen fassenden Ge. französischer Manier in den neunziger Jahren und haarscharf mitbäudc bemerkte ich an einem mit Vorhängen verhüllten Fenster Conclusionen ohne Prämissen bewiesen, d^ß Vernunft-und Christus-
eine Art von Altar, auf welchem das Bild des gekreuzigten Hel-la des umritt.n zweier Leuchter aufgestellt war, zur Rechten einfiändcrartigcs Kainclchen, zu beiden Seiten des Eingangs je vierReihen von Bänken und vor denselben mehrere lehnlose Stühle,zum Sitz für die weiblichen Dissidenten - Notabilitäten Alzer's(wie ich nachher wahrnahm) bestimmt. In einer Seitcnlogc, sofrüher als Vogelbauer benutzt wurde, befand sich ein Kanapee, auf
Religion identisch und Derjenige, der sich der Vernunft nicht be-diene, ein Sklave sey und bleibe sein Leben lang, indem er soseinen Sinn dem Machwerk römischer Pfaffen gefangen gebe. DenEinwurf, ob nicht auch die Menschen ohne Christus zu dieser Vci>mmftrcligion — m Offenbarung durch Christus — hätten gelangenkönnen, beantwortclc der Pre-dicant dahin, daß dieß wohl hättegeschehen können, aber doch erst nach langer Zeit, vielleicht nach
dem ich Platz nahm, um bei ziemlich günstigem Herbstwetter den! mehreren Jahrtausenden. Zuletzt ergeht denn mit majestätischemWinter abzuwarten. Nach Verlauf einer Viertelstunde, während! Pathos, unter Flammcnblicken, mit schwülstigen Worten die Aus-wclcher sich ohngcfähr liö — 70 Menschen, Darunter zwei Drit-I forderung, sich frei der Vernunft zu bedienen — zufällig aber
tel müßige Zuschauer, halbnackte Buben, zierlich gekleidete Herren,Bursche mit langröhngen, dampfenden TabackSpscifen versammelten,zündete ein armer Schlucker die beiden Wachslichter an, zu bedeu-ten das neue Licht, das jetzt in der durch römisch-katholischePfaffen herbeigeführten Nacht dcö abergläubischen Götzendienstesleuchten sollte; endlich erschien denn auch mühsam und keuchend dersogenannte Pfarrhcrr der DiffcntcrS, bekleidet mit der Soutane,ein schwarzes Kävpchcn auf dem 5eopfc, und er sah eben nichtaus, als habe ihm die Last des Römerjochö bedeutend zugesetzt.Die Gcmeindcglicdcr waren gerade in traulicher Unterhaltung be-griffen; Herren bccomplimcutirlen die anwesenden Damen und pflo-gen schmeichelnde Gespräche, ein andachtcrweckcndeS Vorspiel derbeginnenden Komödie!
Nachdem Winter seine compendiöse Bibel auf ein in derMitte des rothbchängtcn AltartischcS befindliches Ruhekissen nieder-gelegt und ein wenig ausgeschnauft hatte, begann der feierlicheAct, während dessen der neue Pontisex gegen die Zuhörer sichwandte. Als Fiihrcr dabei diente mir eine Broschüre, die ich mirEingangs des Gartenhäuschens für 12 Kreuzer gekauft, was,wie mir der Verkäufer bemerkte, theuer sey, da die Gemeindecmnvch klein, unansehnlich und arm wäre. Die andächtige E»bauung verlief also. Ein nobler Stutzer brachte unter dem Armein einem Kästchen ein Instrument (vielleicht auch Ronge's Er-findung), wahrscheinlich mit Saiten überzogen, das klavicrartigeTöne hören ließ; nachdem dasselbe gestimmt, räusperte sich Winter
und begann: „Im Namen des VaterS'
natürlich ohne das
waren Leute da, die auf ihrem Antlitze deutlich lesen ließen, daßsie'von ihrer Vernunft noch gar wenig Gebrauch gemacht, zu«mal sie nicht sehr reichlich damit bestellt schienen; — mit lächelnderFreude wurde das hohe Glück verkündet, mit dieser Himmclstoch-ter „Vernunft" nun frei schalten zu dürfen, frei von knechtischemGeistesdruck, der bisher mit Centnerschwere auf ihr gelastet. „Lassetdie Anderen, so schloß der Redner in seinem LicbcScifcr, lasset dieAnderen äußerlich Triumphe feiern; wir feiern unseren Triumphim Innern, dieweil unsere Vernunft nicht mehr sklavisch niederge-halten ist, wir uns frei machen dürfen von Allem, was römischePriester der Christusreligion beigefügt haben." Nach einem aber-maligen Liede folgte endlich das Glaubensbekenntnis;, das mit den-selben Worten ungefähr also lautet: „Ich glaube an Gott Vater,den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde, ich glaubean Jesus unseren Heiland, ich glaube an den heiligen Geist,Nachlaß der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewigesLeben." Nach angestimmtem dreimal Heilig wurde das Gebet desHerrn verrichtet und nach einem Schlußgcsange der Segen ertheilt.Alles Dieses geschah, während die Gemcindeglieder bcauem dasaßen mit verschlungenen Armen und Beinen. Nach Beendigungder Andacht (!) forderte ein Mann mit grauem Haupte, vermuth-lich ein Vorstandsmitglied, auf zu einer Confcren; zurückzubleibenund es blieben nach Entfernung der Zuschauer etwa zwanzig Herrenund Damen zur Berathung zurück.
Vergleicht mau nun diese Parodie einer Gottesverchrung undPredigt nach neugebackenem Ritus, und den Leiter und Wortführer