wurde von den Weibern mit einem Gebet begrüßt und, je nach-dem derselbe ihrem Herzen näher stand, ward das Schreien lauterund gellender, hatte es förmlich den Ausdruck, als wollten sie dasHimmelreich mit Gewalt und Ungestüm an sich reißen. Aber auchhier bot sich mir alsbald die Bemerkung wieder dar, wie grundlosdie Auschulvigung sey, als würde über den Geschöpfen der Schöp-ser, über den Erlösten der Erlöser, über den Heiligen der Quellder Heiligkeit vergessen; denn jedem den Heiligen gebrachten Lebe-hoch (als solches klang die Begrüßung) und dem 0ru pro nodiZsolgtc immer das (»loria ?stri vt Inlio et Kpiritui LanLto.Also auch hier dem Heiligen die Anerkennung, dem Dreimaleincnallein die Ehre!
Endlich kam, in eine Art Monstranz eingefügt, das Fläsch -chcn mit dem Blut und wurde auf die Epistclseite des Altarsgestellt. Ich drängte mich diesem so nahe, als möglich, undfand zwischen schaulustigen Gesichtern und foppenden Bocksbärtennoch Raums genug, um dc» ganzen Hergang mit der genauestenAufmerksamkeit zu beobachte». Anfangs wollte es mir als tadelns-werthc Nichtachtung des SchicklichkcitsgefühlS vorkommen, daß eineHandlung, die — wenigstens nach neapolitanisch-kirchlichen Begrif-fen — eine eminent religiöse seyn sollte, unter einem solchen, biszu den obersten Stusen deS Altars und dicht an die Seite desPriesters sich vordrängenden Gehäuse von Neugierigen und gewißauch Frivolen sollte vorgenommen werden. Nachher aber ward eSmir klar, daß die Möglichkeit, den Vorgang mit der größtenGenauigkeit, ohne alle Rücksicht auf Gesinnung und Zweck,beobachten zu können, nicht nur nicht sollte beschränkt, sondern indem größten Uinrang eingeräumt werden. Sind cS doch immerFremde, die am ersten Tage der Ansstcllunq deS Blutes innerhalbder Schranken des Altares ihre Stelle suchen. Welches derenAbsicht sey, die so nahe stehende Anschuldigung: es scye nicht vondem Flüssigwcrden des BluteS zu reden, Niemand könne sich nahen,Täuschung deS Ferncstehcndcn seye leicht möglich, — sollte beseitigtwerden. Und in der That, gegen vierzig Personen stunden dichtum den Gegenstand daß eS für diese Alle keines schaffen Augesbedürfte, um dcu Hergang mit der möglichsten Aufmerksamkeit zubeobachten.
Ein Priester hob nun das Gefäß, worin die Fläschchen(eine genaue Abbildung desselben, wie der Fläschchen, findet sichin den ^otis Luiietoi'um, Leptemd. 'I'. VI.) enthalten sind,aus der Monstranz, ein anderer stand neben ihm mit einer bren-nenden Wachskerze, von nicht größerem Durchschnitt, als der dritteTheil eines Zolles, gerade hinreichend, um über die gläserne Ein-sassnng des FläschchcnS genügsames Licht zu verbreiten; zudemward die Kerze so gehalten, daß zwischen ihr und dem Gefäß nochimmer ZwischcnranmcS genug blieb, um daö Widerstreben gegendie Sache unter dem Verdacht von einwirkender Wärme-Ausströ-mung aus der schwache« Flamme von vornherein zurückzuweisen.Dem entgegen ist dann viel gesprochen und bereitwillig geglaubtworden von der Manipulation des Priesters, durch dessen warmeHände, in Verbindung mit der Temperatur der Kirche, der indem Fläschchen enthaltene Stoff endlich flüssig werden müsse.Alle, welche Solches behaupte», haben entweder dieses Flüssigwer-den nicht gesehen, oder, wenn sie es gesehen haben, und dennochvon einer solchen Manipulation sprechen, sind sie die schändlichstenLügner, welche wissentlich Etwas vorgeben, was durchaus anderssich verhält, wovon nicht einmal eine Spur vorhanden ist,
Dasjenige Fläschchen, in welchem der Stoff (ich will mirbloß diesen Ausdruck erlauben), welcher flüssig werden soll, sichbefindet, ist versiegelt, und Niemand, der das Siegel betrachtet,
swlrd den Argwohn hegen, als wäre es neuern Ursprungs. Wei-teres jedoch könnte ich über dasselbe nicht sagen, indem begreiflichzu genauer Beobachtung (wohlverstanden — bloß des Siegels)keine Zeit war. Die Fläschchen selbst stehen in einem Gefäß —in Gestalt eines kleinen HandlaternchcnS — auf der Border- undRückseite mit einem Glas versehen; zwischen ihnen und den beidenGläsern ist aber ein leerer Raum, im Durchmesser eines Fingers.^ Unter diesem einschließenden Gefäß ist ein metallener Stiel, etwai fünf Zoll lang, zur Handhabe dienend, und über demfelben einmetallenes Krönchcn, oben mit einem Kreuz versehen. Mittelst deserstern wird es in die Monstranz eingeschraubt. Der dichte Stoff,von bräunlichter Farbe, füllt das Hauptsläschchen nicht ganz, son-dern es bleibt von demselben bis zur Mündung ein leerer Raum,nicht des vollen Drittheils des Fläschchens groß. Der Priestersaßt nun mit der einen Hand den Stiel, mit den Fingerspitzen derander» den obersten Theil jenes Kreuzes, und geht damit an demAltar hin und her, um eS den Anwesenden zu zeigen; wobei er,nicht das Fläschchen, sondern das ganze Gefäß wiederholt umkehrt,der andere aber mit deni kleinen Licht leuchtet, um Jeden zu über-zeugen , daß der Stoff in festem Zustande sich befinde. Eine andereBewegung habe ich den Priester nie machen gesehen; selbst vonder leisesten Berührung des Glases, hinter welchem immer nochfrei und in leerem Raum das Fläschchen stünde, geschweige dennvon einer Manipulation, kann gar nicht die Rede seyn; eine Be-rührung des FläschchcnS aber wäre physisch unmöglich.
Während das Gefäß öfters gewendet wurde und der darinenthaltene Stoff fest blieb, sang der Chor das .^iserero und dasathanasianische Glaubensbekenntnis Lauter und inbrünstiger bete-te» die Weiber die lauretaiiischc Litanei, die Versammlung schloßsich au die Gebete an. Zwischencin erhoben Jene mit dem Aus-druck deö heißen Verlangens, ja deS Ungestüms, ihre Stimme»sonst noch. Ich konnte aber nichts verstehen, weil sie in neapoli-tanischem Dialect ihrem Herzen Luft machten. Wohl hatte ichgelesen, sie gingen, wenn das Flüssigwerden zu lange sich verziehe,nicht selten von dem heißen Flehen in Verwünschungen gegen denHeiligen über. Ich fragte meinen Freund und Lanbsmann, denAbbv Reinhard, der neben mir stand, ob in diesem Augenblickdergleichen Verwünschungen seyen ausgesprochen worden? Er ver-sicherte mich, schon öfters an den Festen des heiligen Januarius in der Kirche sich cingefundc», so Etwas aber niemals gehört zuhaben. Er müsse auch dieses für Erfindung Ucbclwvllender oderUnwissender halten, die einzig aus dem Ton schließen könnten undwollten. Drcßmal aber hatten die Weiber gerufen: „O heiligerSchutzpatron, Du siehst so blaß aus, Du bist so mager! Aberes ist sich dessen auch nicht zu verwundern, da Du in DeinemLeben für uns so viel gearbeitet hast!" Auch hierüber mag diedünkelhafte Selbstgenügsamkeit lachen; liegt aber nicht in diesenWorten die Naivetät eines kindlichen Glaubens?
Eine etwelche Bewegung der Ungeduld zeigte sich dennochdurch die Versammelten; denn bald eine Viertelstunde lang hatteder Priester das Gefäß gewendet, und immer noch zeigte sich derStoff in seinem festen Zustande. Endlich warf er einige leichteBläschen, und plötzlich war er zerronnen, die Flüssigkeit füllte dasFläschchen, welches zuvor den oben bemerkten leeren Raum gezeigthatte. Sobald der Priester das erfolgte Wunder ankündigte,schallte, von der Menge angestimmt, das veum durch dieHallen der Kirche; der Priester aber fuhr fort; das Fläschchen mitder flüssiggcwordenen Materie Jedem zu zeigen, drückte es Jedemauf Stirne und Brust und reichte es zum Küssen dar.
Das ist der getreue Bericht meiner Beobachtungen an jenem