Samstag Abend. Ich könnte auf Alles, was ich hier mittheile,jeden Augenblick den Eid ablegen: daß ich Anderes, als was ichmit meinen Augen gesehen habe, nicht, dieses aber auch so berichte,Wie ich gesehen habe.
Nach dem erfolgten Flüssigwerdcn wurden die Uebcrreste wiedernach San Grnnaro zurückgetragen. Die zahlreiche Processton, diemit ihren vielen Kerzen in der Dunkelheit der Nacht durch dielange, schmale Gasse, die von St. Clara nach der Domkircheführt, sich bewegte, bildete einen magischen Anblick. Aus weiterFerne klangen die Stimmen der Weiber herauf, die mit ihrenLobgcsängcn dem Heiligen voranzogen. Eine dichte Menschenmengestand in der Nähe der Kirche, um den Zug anzusehen.
(Fortsetzung folgt.)
New-Aork, 1ö. Sept. Ich habe Ihnen einige nähereSchilderungen über den blühenden und hoffnungsvollen Zustand desKatholicismus in diesem Lande ber-itö mitgetheilt. Heute will ichihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Secten lenken, zwischendenen sie sich einen Weg bahnt; dieß wird ein neues Capitel inder Geschichte der Veränderungen des menschlichen Geistes liefern,aber freilich, ohne die Feder eines Vossuet.
Der Protestantismus, schon so zersplittert in Europa , findethier noch mehr Mittel und Raum sich in Secten zu zerspalten.Keine Idee, hervorgegangen aus dem Dunstkreise des tiefsinnigenDeutschlands oder dem veränderlichen England , ist so obstruö, dienicht auf diesem freien Boden weiter wucherte, ohne Borurtheilauf das Land woher sie kommt, und ich sehe schon Nonge beiuns, wie er hier 3 oder 4 Anhänger in Kurzem bekommt.
Unter unsern Separatisten sind die der Epi^kopal-Kirchc an-gehörigen diejenigen, die sich am meisten der Wahrheit näh.rnund die am wenigsten feindlich uns gegenüberstehen. So lange-Amerika englisch war, nannten sie sich Anglicciner und erkanntenden König als Oberhaupt in religiösen Dingen an. Aber seit derUnabhängigkeit der Bereinigten Staaten hat sich die Sccte ohneweiters an die republiccmische Form angeschlossen gemäß der Wan-delbarkeit, die dem Protestantismus eigenthümlich ist.
Das Kirchcnrcgimcnt ist in der Hand der Bischöfe; aber jederBeschluß muß durch eine Versammlung von weltlichen Mitgliedernder Diöccsc gebilligt seyn, wodurch er anwendbar wird und diesesgestattet selten eine Verständigung. Der Episkopal-KlcruS, derder Majorität nach dem PuseyiSmuö huldigt, schlägt Candidatcndieser Farbe für die Pfarreien und BiSthü'mer vor; aber das Laieu-Collegium ist nicht für sie und verwirft Alles das, was dem Papst-thum ähnelt. Welch' eine schöne Uebereinstimmung zwischen derHecrde und dem Hirten! Die Episkopal - Kirche ist die reichste inAmerika , indem sie vor Zeiten mit ansehnlichen Gütern von denKönigen von England beschenkt wurde. Die Anrufung der Heili-gen, der Supremat des Papstes und die Gebete für die Todten —dieses sind die drei Puncte die sie verwerfen und die sie zu ihremUnglück von uns getrennt erhalten. Aber die Schule Pusey'skämpft hauptsächlich auf diesem Terrain, vernichtet diese Vorurtheileund arbeitet, ohne es zu wissen, dem Katholicismus in die Hände.
Eine Partei der Episkopalen ist in der That da, welche sicham hartnäckigsten unserer heiligen Kirche entgegensetzt. Eö ist diepreöbyterianische Secte, die uns viel weniger Trost gewährt unddie auch noch so intolerant ist, wie zur Zeit Knox, ihres Stifters,wo er Schottland durchstreifte, indem er die Kirchen demolirte,und so grausam die Maria Stuart verfolgte. Aber die Strafe
der Vergeltung traf seine Schüler, welche unter dem Namen Puri-taner sich in England ausbreiteten. Die Königin Elisabeth setzteihnen so heftig zu daß die hartnäckige Nartci sich auszuwandernentschloß, und die Nachkommen der „Rundköpfe" (1'^tes-1ic»i<lc8)jetzt zwei Staaten dca amerikanischen Union innc haben, Massachussctund Connectiiut. Die PrcSbyteriancr haben davon ihren Namen,weil sie nur einfache Diener des Cultus (Presbyter), die alle unter ein-ander gleich sind, anerkennen. Gegenwärtig beschäftigt sie die Frageviel, ob die Taufe die durch einen Katholiken ertheilt werde,Gültigkeit habe. Die Majorität hat sich bejahend geäußert, wasfür uns ein gutes Zeichen ist.
Mishaet, ein Puritaner-Pfarrer, geht so weit daß er dieTaufe sür unnölhig hält. Der würdige Prediger geht also weiterals die Anabaplisten, die nur den Kindern die Taufe nicht ver-leihen wollen, da sie sie erst dem Jünglingsalter aufsparen. Mankennt den Stifter dieser Secte nicht, und Carolstavt, Zwingli,Mclanchton oder Thomas Münzcr können mehr oder weniger aufdiese traurige Ehre Anspruch mache». Diese Sccte begann inDeutschland im Jahre 1520 'sich festzusetzen uud Münzcr stelltesich an ihre Spitze, indem er sich für einen neuen Gidcon ausgabund das Reich GvtteS mit dem Schwerte herstellen wollte. Mün-zcr, beredt durch sein Schwert nach Mahomets Manier, hieb s-ineWidersacher bloß nieder und die Zügcllvsigkcit seiner Lehren stellteihn bald an die Spitze eines großen Heeres. Die deutschen prote-stantischen Fürsten, beschämt und ärgerlich, ihr Princip der freienForschung so weit fortgerissen zu sehen, verbanden sich gegen Mün-zer und rotteten die Sccte im Jahre 1533 aus. Die amerikani-schen Anabaplisten (Wiedertäufer) rühmen sich nicht dieses Ursprungsihres Glaubens und machen keinen so großen Lärmen in die Welt.Sie macheu sich nur durch die Ceremonien des UntertauscnS beiihrer Taufe bemerklich. Die Katcchumcnen begeben sich in feier-lichem Aufzuge an den Fluß, oft in sehr kalter J.ihrcSzcit,und tauchen sich zu wiederholten Malen mit bewundernswürdigemMuthe unter.
Den PrcSbytericmcrn schließen sich die Unitarier an, diedie heilige Dreieinigkeit läugncn und in JcsuS Christus mir eineNatnr anerkennen. Die Unilaricr sind eigentlich keine neuere Secte,sondern haben ihren Ursprung von Ariuö, der so viel Schadenim 4ten Jahrhundert nach Christi Gedurt in der Christenheitanrichtete. Die Ariancr verschwinden im 8ten Jahrhundert ausder Weltgeschichte; aber Servet, den Calvin in Gens verbrennenließ, weil er sich erlaubt hatte, nicht der Ansicht des Genfer Tyran-nen zu seyn, hat diese bcklagcnswcrthen Irrthümer wieder aufge-rührt. Im Jahre 1578 haben die Brüder Socin (die Socinia-ncr) dieselben Lehren in Italien gepredigt und ihren Namen ihrenAnhängern gegeben. Die llnitarier Amerika'S stammen von deut-schen Auswanderern und Uebcrläuscrn der PrcSbytcrianer her. Sieläugncn die Erbsünde, die Prädestination (Vorherbcstimmungslehre),die Gnade, nehmen kein Sacramcnt an und betrachten den göttli-chen Erlöser als ein auf gewöhnliche Weise geborenes Geschöpfunterworfen der Sünde. Sie. sind in den Vereinigten Staaten ingroßer Menge vorhanden.
Bisher haben wir diejenigen Secten betrachtet, die eine gewisseWürde und einen gewissen Anstand in ihren Irrthümern haben.Jetzt kommen wir zu einer sehr lächerlichen, wenn eS erlaubt ist,dieß Prädicat einer religiösen Sccte zu geben.
Im Jahre 1720 nämlich versammelten John und CharlesWcSley mehrere junge Theologen an der Universität Oxford , unterdem Vorwande sich über einzelne Puncte des Evangeliums bespre-chen zu wollen. Sie hielten Abends und Morgens Zusammenkünfte,