Ausgabe 
5 (16.11.1845) 46
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen
  

selnc Gestalt verloren hat, in dieselbe nicht wieder zurückkehrenkönne. Wer dieses nicht glauben wollte, den würde leicht dieErfahrung belehren: er dürfte nur Blut nehmen; wäre es erstgeronnen, und nach Monaten -- ich will nicht einmal sagen Jah-ren in einen erdichten und staubförmigen Stoff verwandelt, sowürde es in seine vorige Gestalt, oder nur in die Accidentien derGestalt, d. i. Nöthe, Flüssigkeit u. s. w., nicht Wieder zurückge-bracht werden können."

Diesen Zeugnissen läßt sich noch eine Bulle Sixtus V. bei-fügen, worin er sagt:Wir wollen, daß die in der erzbischöflichcnKirche von Neapel gelegene Capclle, der Schatz des heil. Janua-rius genannt, wo das Haupt und das Blut dieses Heiligen auf-bewahrt wird und, wie Wir vernommen haben, die göttliche Maje-stät beständige Wunder wirkt, mit erforderlicher Ehrerbietung be-sucht werde."

Noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts verfaßte einneapolitanischer Rcchtsgelehrter in entschieden beipflichtendem Sinniibcr diese Thatsache folgendes Gedicht:

Nonclmn ereelis ^rsbs, 3o)tlriei5 czuiri Larbarus oris

LnnsuZi^ »6 veriu religionis iter?^s>)iee, pul^a Iiiee! 8tüt loriZum post Äsi^ri-z nvum

Iiieorrui,,tus aclliue et sine tade eruorzImo Iiilaris ^liseit, eonsur^it, cti8silii, arclet

Oe^or, extrem-v est im^atieirs tubsc;?erliclris sn cernis, eupiti ut eruor obvius, sirte

li'rigicius et ilurus, serveut et iiciuest?Laute vel g8s»erior, vel sit iulamiiirtiiius .Vier

8aiiZuine czuin llrir» sponte linauente licrues?

Gegen dergleichen Zeugnisse können nur Gegenzeugntssc, er-wiesene Thatsachen, concrete Gründe Gewicht haben; bloßes Ab-weisen, nacktes Läugnen, wohlfeiles Spotten erklärt nichts, ent-kräftet nichts, hellt das Dunkel nicht auf. Der Baron Bielefelvsagte seiner Zeit freilich zu Neapel :einen solchen zerrinnendenStoff wissen unsere Apotheker ebenfalls zu bereiten." Aber warumhaben sie es in Berlin nie versucht, diese außerordentliche Erschei-nung zu rcproducircn? Ein anderer Deutscher brachte die scharf-sinnige Erklärung: es wären zwei Monstranzen vorhanden, eine mit demharten, die andere mit dem flüssigen Blut, und während der FunctionWürde jene von dem Priester escamotirt. Wer auch nur einmal denVorgang beobachtet hat, der käme hiemit wieder zu einem Wnnder,Wenigstens zu einem wahren Hexenmeister, der mit der wundcr-Werlhcstcn Leichtigkeit vor den Augen von Tausenden eine ganzeMonstranz wegstipitze» könnte, ohne daß Jemand es wahrnähme.Noch abcnteu-rlicher hat der Franzose Scrces, um das Flüssigrver-dcn zu erklären, die Nähe des Vesuvs und der Solfatara zu Hilfegenommen. Aber wie müßte es denen zu Puzzuoli und zu Nesinaergchen, wenn die Wärmcströmung von diesen beiden Puncten einesolche Wirkung bis in den Dom von Neapel ausdehnen könnte?Da er wohl fühlen mochte, dieß könne nicht gelingen, so fiel esihm nicht schwer, zu behaupten, die Sache ginge an verborgenemOrt, bloß in Gegenwart von lcichgläubigcm Pöbel, unter Ferne-Halten gebildeter Personen, und zu einer Zeit vor, die nicht genaufestgesetzt sey. Das heißt wenigstens das Lügen in ehrlicher Weisebetreiben, indem auch nicht ein Pünctchen Wahrheit in dasselbegemischt wird. Ein Engländer trug das Wunder von dem Heili-gen auf seine Priester über.Wunderbar," rief er,sind diechemischen Kenntnisse der Priester des Schatzes von St. Januar!" So sinnt man in Ermanglung einer zureichenden Erklärunglieber las Ungereimteste aus, als in offenem Bekenntniß seiner

Unfähigkeit wenigstens das Außerordentliche und Unerklärliche zubekennen. Man ist unendlich weit über die Zeit jenes bescheidenenund pflichtmäßigen Zweifels hinausgeschrittcn, welchen der hessischeJurist Heinrich Kornmann in seinem lateinisch geschriebenen Buch:Ueber die Wunder der Verstorbenen," in Betreff des vorliegendenso ausdrückte:Wiewohl die Sache allgemein bekannt ist, möchteich doch das sichere Zeugniß Solcher vernehmen, die gegenwärtigwaren und mit offenen Augen den Vorgang beobachteten."

Unter den frühern Reisenden spricht Kcyßler wenigstens ge-mäßigt, und ohne die läppischen Zuthaten, womit spätere ihreBerichte würzen zu müssen glaubten. Da in seiner Reisebeschrei-bung die Zeitangaben hinsichtlich seines Aufenthalts zu Neapel mangeln, so ist es ungewiß, ob er das Flüssigwerden des Blutesselbst gesehen, oder den Hergang nur nach Berichten und ausVermuthungen beschrieben habe. Ich bin geneigt, das Letztereanzunehmen; denn er sagt darüber Folgendes:Die in dem Glasebefindliche Materie ist braunroth und gleicht dem Lalsamo ?sru-visno, welcher auch leicht flüssig gemacht werden kann. An demTag, da dieses Wunder geschehen soll, steht dieses Blut vor einerMenge Lichter (unwahr, die Menge ist nicht groß und jedenfallsragen die L'chter bedeutend hoch über das Gefäß hinauf); dasGlas, worinnen es nun zwar noch in einer kleinen Phiole, dieetwa eines Fingers lang, eingeschlossen ist, wird den umstehendenund zwar mit großer Begierde herzu sich drängenden Personen zumKusse an den Mund und hernach an die Stirne gehalten (aberimmer dann erst, wenn es schon flüssig ist, daher Kcvßlers Fol-gerung von selbst dahin fällt); bei solcher Gelegenheit stürzt derPriester dasselbe mehr als tausendmal (rein unmöglich, soll heißenein paar Dutzendmal) um, daß der Boden oben und auf dieSeite zu stehen kömmt. Di^ Wärme seiner Hände (ohne allenEinfluß, wie ich überzeugend gesehen und dargcthan habe), derQualm der Lichter (welcher einigen Einfluß unmöglich üben kann),der Dunst, welcher aus der Menge des Volkes in einer warmenJahreszeit (man denke an Fergola's Vergleichung »wischen Ther-mometer und Zeitverkauf), und endlich der warme Odem, der ausdem Munde der Küssenden kommt (nachdem das Flüssigwerden schongeschehen ist), nebst andern Umständen (deren Angabe nicht hättesollen unterlassen werden) könnte auch eine andere vorher flüssiggewesene Malerie schmelzend machen. (In einer Anmerkung führtKeyßler an:Im Jahr 1733 hat der bekannte Chemikus HvfrathNcuincmn in Berlin das Geheimniß erfunden, auf eine leichte Artund so oft er will, eine vergleiche Fließung des Blutes, wie vondes heil. Janucrrius Reliquien vorgegeben wird, nachzumachen."Für gläubige Ungläubige wäre interessant, dieses unter voll-kommen gleichen Modalitäten, wie das Ercigniß in Neapel , sichvormachen zu sehen.)Es wäre billig/ fährt Keyßler fort,daßman den Ungläubigen und Ketzern genügsame F-eiheit vergönnte,die Umstände dieses Wunders genauer emzus hen (diese ist ihnenaber wirklich ohne alle Beschränkung vergönnt), anstatt daß sie sich,wie Andere, begnügen lassen müssen, daß der Priester endlich ruft:il mirsoolo e tutto, und dann mit großen Freuden das le veumIauilunru8 angestimmt wird."

Wenn Kotzebue in dem Flüssigwerden des Blutes nur einender vielen Beweise von dem dummen Aberglauben der Neapolitanerfindet, so ist er doch ehrlich genug, nicht den Aberglauben an dasErsonnene in Anspruch zu nehmen. Er sagt:Man glaubt ge-wöhnlich, die Flüssigkeit der rothen Materie werde durch die Wärmeder pricstcrlichen Hand hervorgebracht; aber darin irrt man. Diekleine Phiole, welche das sogenannte Blut enthält, ist in einergrößcrn gläsernen Flasche eing->chlosscn, so daß zwischen beiden ein