6. Doch nicht bloß auf einzelne Personen, Gemeinden oderVölker erstreckte sich die Wirksamkeit des großen Mannes, sondernauch für die ganze Kirche ward sie in Anspruch genommen.Zur Entscheidung der wichtigsten Angelegenheiten und Fragen seinerZeit ward SimeonS, des berühmten Säulenstehers, weiscr Rathund vielvermögende Mithilfe nachgesucht. An Kaiser Theodos II.schrieb er zu Gunsten der Christen gegen die Juden; durch ihnbewogen entsagte die Kaiserin Enoxia der Irrlehre des EutycheS;Kaiser Marcian verkleidete sich, um frei und unerkannt mit demvon höherem Richte erleuchteten Einsiedler sich zu besprech n; KaiserLeo befragte ihn wegen des Conciliums von Chalcedon , und derHeilige trug sehr viel dazu bei, das; sich bei der Verdammung desNcstvriuS die orientalischen Bischöfe, an deren Spitze Johannes,Patriarch von Antiochicn, stand, mit dem heiligen Cyrillus vonAlexandne» und dem Concil von Epliesus vereinigten.
7. Er war der allgemeine Nvthhelfer der Leitenden jeder Artdurch außerordentliche Wunder, der mit der Gabe der Heilungausgerüstete Arzt der Kranken, der stets sorgsame Vater der Armen,und die Zuflucht aller Hilfsbedürftigen.
8. Er betete, betete viele Stunden des TageS, und mitWeniger Unterbrechung die ganze Nacht hindurch; und ein Gebet,Wie Er betete, ja — das rechte, wahre Gebet überhaupt ist keinMüßiggang, eS ist eine heilige Aibeit, ist die schönste Beschäf-tigung der Frommen und Heiligen hienicden, und der Seligen undHeiligen oben die ganze Ewigkeit Hindu?ch.
„So großen Nutzen," sagt Theodoret , „ergoß dievon Spöttern verhöhnte Sänle." Von ihrer Höhe herabflössen Segnungen des Himmels, Licht und Wärme der heiligenLehre und Liebe. Darum ruft der syrische Lebensbeschreiber mitRecht bewundernd aus: „Wie Viele wurden durch ihn Junger derwahren Lehre, und Gefäße der Ehre! Wie viele Unzüchtige wur-den keujch, wie viele Wüstlinge zur Reinigkeit bekehrt, wie vieleBuhlerinnen durch seinen bloßen Anblick von serne in treue Freun-dinnen Christi umgewandelt! Wie viele Bedrängte sind durch seinWort von ihren Drängern errettet, wie viele Schuldbriefedurch seine Verwendung vernichtet worden! Wie vielen Mißhan-delten ward Ruhe, wie viele Sklaven wurden befreit, wie vieleWaisen und Wittwen aufcrzogcn und ernährt! Er erhöhte das An-sehen der Purster Gottes, unv hielt die Verordnungen der h.iligenKirche aufrecht. Er steuerte dem Wucher, und brachte esdahin, daß Viele sogar keine Zinsen mehr forderten." Dannverbreitet er sich staunend über die Wunde-baren Heilungen undHilfeleistungen in der Nahe und in die Ferne hin, Heilungen vonden schwersten Gebrechen und Krankheiten, Rettungen aus Gefah-ren zu Wasser und zu Lande, u. s. w. Ferner berichtet er, daßoft Briefe von Königen oder Gesandte derselben beim Heiligenanlangten, um sein Gebet und seinen Segen für die Reiche zuerflehen, und seine B.fehlc zum Wvhle der Unterthanen zu ver-nehmen. Sie nannten ihn aber im Eingange ihrer Schreiben„Vater und Lehrer, der uns von Gott gegebenwurde." llnv Simcon rieth und verordnete ihnen Alles, wasGott gefällig, zu dessen Ehre, für das Heil der Seelen ersprieß-lich, für die Armen vo-thcilhaft, und zur Befestigung der Herr-schaft dieser Fürsten dienlich war.
So lebte nach dem Zeugnisse von Zeitgenossen und Augen-zeugen der Mann auf der Säule. So lebte er, eine lange Reihevon Jahre» hindurch rastlos wirkend für die Ehre seines Herrnund das Wohl seiner Vrüver, und dieß unter dem Drucke furcht-barer körperlicher und geistiger Leide», wodurch Gott sein.n Dienerund Liebling prüfte unv reinigte, lind ein solches Leben wäre
nur müßige Schwärmeret gewesen?! Ein Leben stete» BetenSund Leidens, der strengsten Abtödtung und Selbstverläugnung, derBelehrung und Ermahnung, der thätigsten Liebe und Erbarmunggegen Alle; ein Leben wirksamen wohlthätigen Einflusses auf Hoheund Niedere, Pri.stcr und Laien, Reiche und Arme, Gemeindenund Völkerstämme, Kirche und Staat; ein Leben, reich an denschönsten und hcldenmü'thigsten Tugenden, an Geduld und Demuthund Sanftmuth, und herzgewinnender Freundlichkeit und unbesieg-barer Standhaftigkcit im Guten, — ein so großes und edles undheiliges Leben eine müßige Schwärmerei?! Nein! Wir nennen esmit Recht voll Ehrfurcht und Bewunderung ein wahrhaft thätigesund scgenreiches Leben, einen her-lichen Baum voll der bestenFrüchte für das ewige Leben, eine überfließende Quelle von Wohl-thaten für die Menschheit, einen Schatz des Hmm-ls f >r Kircheund Staat, einen Acker reich an Ernten für Jenseits, und SimeonStylites ist den größten, heiligsten, einflußreichsten, verdientesten,und darum ehrwürdigsten Männern beizuzählen, die der Himmelje in seiner Huld und Gnade der hilfsbedürftigen Welt geschenkt,eine Sonne, nach allen Seiten hin ihre Strahlen versendend vollLicht und heiliger Glut. Aber — das Stehen auf derSäule? War denn nicht wenigstens diese Lebensweise Thorheitund Unsinn? Hätte er nicht auf eine andere, vernunftgemäßereWeise eben so wirken können?
„Nein," ist Möhlers Meinung*); „nur so brachte erjene erschütternde Bewegung in den Gemüthern hervor. Dießkonnte nur Er wirken, und zwar in der ganz bestimmtenErscheinung, wie er stand auf der Säule" und so weiter. Kater-kamp aber bemerkt im dritten Ban?e seiner Kirchengeschichte überSimeons Lebensart: „Es scheint doch der Vorsehung gefallen zuhaben, durch ihn eine erschlaffte Zeit zu beschämen, und.ein Vor-bild aufzustellen, was der menschliche Wille für unv durch Gottvermöge. Durch seine sonderbare Lebensweise sollten höhereZwecke erreicht werden. So beweiset der Erfolg." Entschiedenerals Katerkamp mit seinem „Scheinen" erklärten die Zeitgenossenunseres Heiligen, Cosmas und Theodoret, ihre feste Ueberzeugung,daß es ausdrücklich so Gottes Anordnung und Willegewesen sey, ihn als Licht auf die Säule zu stellen. EineEngelerscheinung lehrte, wie die syrischen Acten erzählen, denHeiligen die Art und Weise des Stehens und Betens; GottesAbsicht aber, bemerkt der Verfasser, sey gewesen, „weil Er dieWelt wie eingeschlafen sah, durch Simeons Leiden die Menschen von der schweren Bersunkenheit zu er-wecken.' Cosmas sowohl als Theodoret führen dann aus demalten Bunde mehrere Beispiele außerordentlicher und seltsam schei-nender Austräge Gottes an Propheten an, gegeben zur Wieder-erweckung des gesunkenen sittlichen Lebens der Menschen, die sooft nur durch das Außerordentliche und Wunderbare aus langge-wohnter Erstarrung und Erschlaffung aufgeregt werden können.
So haben wir, um mit Theodoret zu reden, einen Tropfender Wirksamkeit Simeons, des Styliten, dargestellt, um darausauf den reichen Regen der Segnungen seines merkwürdigen undwohlthätigen Lebens schließen zu lassen. Erwägt man di-ses Lebennäher, so muß man in der That mit dem heiligen Jakob vonSarug "*) gestehen, daß es über jeden Ausdruck erhaben sey,unv, wie er, Simeon einen an Triumphen reichen Kämpfer nen-nen, und einen auSerwähltcn Vater voll der erhabensten Großthaten.