Ausgabe 
(4.1.1894) 1
 
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Schoppe spielte Intriguen gegen ihn, hetzte Familien gegenihn auf, am Ende gar aus Eifersucht, obwohl sie anfangsan ihn geschrieben hatte:Die Jahre, wo man versuchtsein konnte, mir die Cour zu machen, sind vorüber, ichbin Ihre Freundin, meine 41 Jahre geben mir in dieserHinsicht alle nur zu wünschende Freiheit" am Endezu viel Freiheit, und Silier schützt vor Thorheit nicht.Er lernte ein Mädchen, Namens Elise Lensing , kennenund wurde ganz Flamme für sie. Die einen habendeßwegen Steine auf ihn geworfen, andere ihn wohl all-zusehr in Schutz genommen, wir haben das Nähere nichtzn untersuchen und sagen nur, daß die vielen Briefe,die Hebbel an Elise schrieb, Herz, Gemüth und Geist imvollen Sinn der Worte athmen. Freilich besaß er leidereine allzusehr angelegte sinnliche Natur, die er nicht imZaume hielt, vielmehr ihr allzuviel nachgab. Er schloßsich in Hamburg demWissenschaftlichen Verein von 1817"an, verfaßte eine hübsche Reihe handschriftlicher Aufsätzeund trug sie im Verein vor. Derjenige überTheodorKörner und Heinrich von Kleist ", ungemein umfangreich,soll hier besonders erwähnt sein.

Im Februar 1836 machte er in der Heimath beiderguten Mutter" Besuch und dann ging es auf dieUniversität nach Heidelberg , 23 Jahre alt:ich freuemich auf die Pandekten und werde sie mit größtem Ernstund Fleiß studiren, nicht sowohl um mir dadurch denZutritt zu einem Amt zu eröffnen, welches ich schwerlichjemals annehmen werde, als vielmehr, um mich geistignach allen Seilen hin umzuthun und mir die Freiheitzn erwirken, den lahmen, steifen Esel, der mir die Brod-säcke nicht schleppen soll, an denjenigen Wegstrecken, woer zn stolpern pflegt und wenigstens langsam geht, zupeitschen und zn stacheln. Ein Hund will ich sein, wennich mir den Geist binde, bevor mir die Hände gebundensind." So schrieb er an den alten treuen Voß.

Die Professoren versagten ihm die Immatrikulation,da er nicht die nöthigen Vorkenntnisse ausweisen konnte,er hatte gehofft, daß sie ihn als vollgiltigen Studentenaufnehmen würden,gescheidte Leute werden mir dienämlichen Rechte einräumen, welche sie fünfzig Schafs-köpfen und Schuljungen eingeräumt haben, etwas Anderessind ankommende Studenten selten, woraus übrigens nichtfolgt, daß sie auch nichts anderes werden können." Erwar also Hospitant und belegte Encyklopädie und beidem berühmten Thibaut,der mir gnädigst das Honorarerließ", römisches Recht. Mehr als in Hamburg drückteden Studenten in Heidelberg der Mangel an Geld, sodaß er oft Noth leiden mußte und sich bitter darob be-klagte,all mein Leben und Streben ist jetzt eigentlichnur noch ein Kämpfen für Mutter und Leichenstein".Hervorgehoben muß werden, daß er seine Vorlesungenungemein fleißig besuchte, viel studirte, ohne der PoesieAbschied zn geben, einmal nur in der Woche wohnte ereiner studentischen Kneipe bei. SeinNachtlied", dasspäter Robert Schumann nach- und ausgesuugen hat,entstand damals:

Quellende, schwellende Nacht,

Voll von Lichtern und Sternen:

In den ewigen Fernen,

Sage, was ist da erwacht!"

Deßgleichen dasNachtgefühl":

Ich denke der alten Tage,

Da zog die Mutter mich aus;

Sie legte mich still in die Wiege,

Die Winde brausten um's Haus.

Ich denke der letzten Stunde,

Da werdcn's die Nachbarn tbun;

Sie senken mich still in die Erde,

Dann werd' ich lange ruh'u."

Er beendete sodann seine erste ErzählungAnna"und schrieb in sein Tagebuch:Anna beendet, zum ersten-mal Respekt gehabt vor meinem dramatisch-episch in Er-zählung sich ergießenden Talente". Die Erzählung ent-hält schöne Stellen, doch ist Kälte und mitunter Neber-spanntheit derselben auch nicht abzusprechen. Ueber Straß-burg, allwo Hebbel sein LiedTraum" auf dem Münster dichtete, ging es nach Stuttgart zu demguten" GustavSchwab, nach Tübingen zu Uhland, welch' beide ihn zufreudigem Schaffen ermunterten, und von dort auf dieUniversität nach München , wo der Wendepunkt seinerEntwicklung eintritt. Sofort schrieb er Skizzen rc. nachStuttgart auch aus dem Grunde,leben" zu können;denn in vielen Tagen hatte er nicht fünfmal warm znMittag gegessen, sondern sich mit Brod begnügt, um mitden von Elise vorgeschossenen hundert Thalern so langeals möglich auszureichen. Noth nach außen macht abermeist auch Ueberdruß im Innern, und Hebbel ist hier einvollgiltiger Beweis, er war mit sich damals ganz und garunzufrieden. Er vertiefte sich in die Werke Jean Pauls ,den er bewunderte, und in die Heinrich von Kleist's ,den er als Muster in der Erzählung bezeichnete, laseifrig Börne und verfertigte selbst komische Charakter-bilder, welche nicht viel Anklang fanden, wohl auch mitRecht. Sehr am Herzen lag ihm damals Emil Rousseau,der einzige Sohn des Negicrungsrathcs Rousseau inAnsbach , ein für Poesie und Literatur ungemein be-geisterter junger Mann. Hebbel hörte besonders an derUniversität Schelling und Görres, von denen er letzterensehr hoch schätzte, freilich dem tief religiösen Görreskonnte er nicht folgen und wollte er nicht folgen, denndem Offenbarungsglauben stand er ja ferne, weil er ihnnicht zu brauchen glaubte. Er Hütte ihn aber wohl oftsehr nothwendig gehabt, besonders in den Zeiten, wo-ermit sich selbst zerfahren war und Unzufriedenheit gleich-sam mit sich selbst und der ganzen Welt ihn umfaßte.

Erfreut wurde er durch eine Zuschrift UHIands,die allerdings sehr lang auf sich hatte warten lassen, inder mehrere seiner Gedichte als gut bezeichnet waren,nicht erfreut aber durch eine Zuschrift von Costa, derden Druck der Gedichte nicht acceptirte, dagegen Gedichtefür das Stuttgarter Morgenblatt anzunehmen und zuhonoriren versprach es war eben stets Ebbe in HebbelsKassel Der Herbst 1838 schlug ihm zwei tiefe Wunden,die nur sehr langsam vernarbten. Seine Mutter starbnach kurzer Krankheit in dergleichen Noth", wie früherder Vater, so daß der Kirchspielschreiber der Heimath dasGeld zum Sarg vorschießen mußte.Es war nur dersüßeste Gedanke, meiner Mutter aus dem, was mir nebendem Göttlichen selbst noch sonst zufallen möchte, einParadies zu erbauen und ihr Alter für frühere Jahreschadlos zu halten. Das ist nun vorbei. Sie verliertzwar nichts, aber ich; ich weiß jetzt nicht mehr, wofürich arbeite; auch mein Leben scheint mir zu Ende."Fast noch mehr brach er zusammen auf die Nachrichtdes Todes seines innigsten Freundes Emil Rousseau inAnsbach , dennes war der beste Mensch, den je dieErde getragen hat; er war mir alles, was ein Menschin dem höchsten, würdigsten Verhältniß dem andern seinkann". Auf das Grab des Freundes dichtete er seinAbendgefühl":