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neigung, welche das junge Paar zusammenführte, unddas ungetrübte Glück der ersten Jahre war — könnteman fast sagen — eine Entschädigung für spätere Un-glückszeiten. Williams Vater starb früh, so daß sichersterer, noch jung an Jahren, als Chef eines ange-sehenen Handelshauses sah, dem aber auch die schwerePflicht oblag, für seine 13 jüngeren Geschwister zusorgen.
Die Kriege, die politischen Umwälzungen, welcheam Ende des XVIII. Jahrhunderts die alte wie dieneue Welt erschütterten, lühmten nicht nur den Handelaller Nationen, sie bewirkten auch den Fall gar manchesangesehenen Hauses. Auch Seton gelang es uicht, un-geachtet angestrengter Arbeit, dieses Unglück von denSeinigen fernzuhalten.
Diese Arbeit, die Sorgen für die Seinen, hattenSetons ohnehin nicht feste Gesundheit untergraben. DieAerzte erklärten, einzig durch eine Uebersiedlung in einwärmeres Klima könne sein Leben erhalten bleiben.
In Italien, in der Stadt Livorno , hatte Setongrößere Summen ausstehen. Er hoffte, seine persönlicheAnwesenheit daselbst werde deren gänzlichen Verlust ver-hindern können. So wurde denn Livorno als Reisezielbestimmt.
Seton nebst seiner Frau Elisabeth und einem seinerKinder schiffte sich am 2. Oktober 1803 in New-Iorkein. Eine lange, zudem gefahrvolle Reise stand ihnen zujener Zeit bevor.
In Livorno fanden W. und E. Seton im Hausedes Herrn Filichi, eines alten Freundes des VatersWilliams, herzliche und gastliche Aufnahme.
Die Anstrengungen und die Beschwerden der Reise,zudem der wahrscheinliche Mißerfolg seiner Bemühungen,hatten Setons Krankheit so sehr verschlimmert, daß erbald nach seiner Ankunft in Livorno in den Armenseiner geliebten Elisabeth starb. Diese war an Leibund Seele ob ihres Unglücks gebrochen.
Einen Trost fand sie bald, und dieß von einerSeite, von der sie es schwerlich erwartet hatte. ElisabethSeton war Protestantin, das Haus des Herrn Filichiein streng katholisches, und in diesem fand sie viel mehrals nur gastliche Aufnahme, sie fand hingebende Freund-schaft und Liebe.
Protestantische Fanatiker, wie es deren in derangelsächsischen Nation vielleicht damals noch mehr gab,als es heute der Fall ist, die den Katholiken alle Rechtevorenthielten, hatten ohne Zweifel diese als von unduld-samem Haß gegen Nichtkatholikcn erfüllt geschildert. Esrührte sie daher doppelt, daß sie das gerade Gegentheilim Hause, das sie aufgenommen, fand.
Mit ihren Freunden wohnte sie häufig den kathol-ischen kirchlichen Feierlichkeiten bei. Diese machten dentiefsten Eindruck auf ihre durch Kummer geläuterte Seele,für die der formlose, inhaltsleere Cult der amerikanischenPuritaner Nichts darbot. Sie schreibt darüber an ihreSchwägerin in New-Uork: „Liebe Nebckka , wie glücklichwären wir, wenn wir das glaubten, was diese liebenSeelen glauben."
Doch die Sehnsucht nach ihren vier in Amerika ge-bliebenen Kindern veranlaßte sie, ohne die Beschwerdeneiner neuen Seereise zu achten, die Rückreise in ihrVaterland anzutreten.
Mit schwerem Herzen nahm sie von ihren LivorneserFreunden Abschied. Mehr als 60 Tage dauerte damals
eine ohne Störung vollbrachte Reise von Italien nachNew-Iork.
Doch kaum gelandet, mußte Elisabeth Seton dentiefen Seelenschmerz erleben, ihre Schwägerin Ncbekka,mit der sie die innigste Freundschaft verband, zu ver-lieren. Nun fühlte sie sich verlassener als je.
Schon während ihres Aufenthaltes in Italien , nachdem daselbst gepflogenen regen Verkehr mit gläubigenKatholiken, beim Anblicke der herrlichen katholischen Gottes-dienste mag sie sich mit der Frage beschäftigt haben, obes für ihren Seelenzustand nicht angemessener sei, zudieser Kirche überzutreten. Man kann nur lobend an-erkennen, daß sie mit der Ausführung zögerte. Siewollte reiflich überlegen, ob sie damit nicht etwa nureinem momentanen Impuls, vielleicht durch die Schön-heit des katholischen Gottesdienstes angeregt, folge. JedeKonversion zur katholischen Kirche wird von protestant-ischer Seite, wenn unedle Motive vollkommen ausge-schlossen sind, diesem Umstände zugeschrieben. Nein,Elisabeth Seton suchte und fand bessere Beweggründe.
(Fortsetzung folgt.)
Siam.
Von I. G. Fußenecker.
Die Eroberungspolitik Frankreich '!?, welche eben dahin strebt,von dem hinterasiatischcn „Kaiserreiche" (?) Siam ein möglichstgroßes Stück (wenn nicht das Ganze!) zur Vergrößerung seinesindochinesischen Kolonialreiches zu gewinnen, hat — leicht er-klärlich, das lebhafteste Interesse der europäischen Großmächteerregt. Siam ist allerdings ein Land, welches die Eroberungs-lust reizen kann, und da es übrigens ein merkwürdiges, abernoch nicht allgemein zu bekanntes Reich ist, so wollen wir davoneine kurzgefaßte, aber dabei doch orientircnde Schilderung geben.Das Königreich Siam (auch ein Kaiserreich genannt) ist dasgrößte von den vier indochinesischen Reichen dc. hintcrindischenHalbinsel und liegt in der Mitte derselben. ES hat einenFlächenraum von 14,600 Quadratmeilen und erstreckt sich vom5. bis zum 22. Grad nördlicher Breite (510 Stunden!) undvom 96. bis 107. Grad östlicher Länge (330 Stunden). SeineGrenzen sind: Im Norden Birma , Osten Annam, SüdenGolf von Siam und Kambodscha und im WestenBritisch-Birma. Siam wird von Reisenden und Missio-nären ein „paradiesisches" Land genannt. Ja, paradiesischschön ist Siam und so fruchtbar wie kaum ein anderes Landder Erde! Es bietet in üppigster Fülle die werthvvllstcn Pro-dukte des tropischen Ostens, und die Berge liefern nebst Zinn Schätze an Silber, Gold und Edelsteinen.
Von der Hauptstadt Bangkok (im Süden), die wie eine„Sonne strahlt", führt eine Wasserstraße des NiescnstromesMenain in einer Breite von 300 bis über 400 Meter fünf-hundert Stunden — an 2000 Kilometer längs!) — vonSüd gen Nord durch das Reich bis hinauf in's „Zauberreichdes Urwaldes". Unterwegs — „immergrüne Wälder auf Bergen und Hügeln, durch welche nur der Elephant sich Bahn brechenkaun und in deren wilder Einsamkeit der Tiger als Jagdkönigherrscht"; dann unabsehbare Ebenen mit solch' fruchtbaren Neis-und Zuckerseldern, daß ihre Doppelernte keinen Mangeleintreten läßt; zahllose Thäler mit krhstallklaren Bächen undfischreichen Flüssen, von Palmhaincn, Tamarinden und Bananenbeschattet, in deren Zweigen Schaarcn von bunten Vögeln sichschaukeln, unter deren kühlem Laubdach eine Menge von Silber-kranichen, Reihern und Ibissen wohnt, indeß in der lauwarmenFluth das Krokodil mit glühendem Auge die Sprünge derAffen verfolgt, welche die Krokodile in gröblichster Weise necken»