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ein „riesiger Garten", in welchem auf blauer, spiegelglatterFluth Tempel und Paläste sind und Tausende der Kähne vollfröhlichen Lebens umherschwimmen — das ist Siam?)
Wohl fehlt es diesem herrlichen Lichtbilde auch nicht andüstern Schatten; doch das ist nicht die Schuld des Landesan sich (wie wir noch sehen werden). „Die Welt ist schön, jaüberall, wo der Mensch nicht hinschleppt seine Qual."
Der Hauptrcichthum des Landes an Kernfrucht besteht inNeiL. Die Thalebcnen mit ihrem großen Wasserreichthum,mit den Schlammablagcrungcn des Mcnam, deö „siamesischenNils" und des auch mächtigen Stromes Mekong (in seinemUnterlauf) haben — in einem Umfang von 670 Kiloin. vonNorden nach Süden und 220 Kilom. von Westen nach Osten— im Südtheile des Reiches einen „unglaublich frucht-baren" Boden. Leider wird bei der Trägheit der Siamesenkaum der fünfte Theil dieses so fruchtbaren Bodens angebaut;überhaupt ist ein großer Theil des Landes eine „völlige Wild-nis;", und ist zu bedenken, daß die große Fruchtbarkeit demganzen Ueberschwemmungsgcbiet mit einem Umfang von 30,000Quadratkilometer eigen ist. Außer Reis wird vorzüglicherZucker, Indigo, Mais, Pfeffer, die Kokospalme und Baumwollegepflanzt, sowie der Maulbecrbaum für die sehr blühende Scidcn-zucht. Die höchsten Berge überragen nicht die Schneegrenze;die größte Höhe weniger Berge beträgt 2500 Meter. Weltbe-rühmt sind die großen Lcak-Wäldcr, die es in erster Liniewaren, welche seiner Zeit England's EroberuugSlust anstachelten,da das Holz deö Tcakbaumcs für die englische Marine in In-dien unentbehrlich geworden.
WaS die Temperatur in diesem tropischen Klima betrifft,so sinkt in der Zeit von Dezember bis März, wo der trockeneNordost-Monsun weht, im Januar und Februar die Wärmeauf 13 Grad 6 herab. Die heißeste Jahreszeit ist im Aprilund Mai, wo die Wärme bis zu 36 Grad 0 steigt. VonEnde Mai bis October herrscht der Westmonsun mit seinemvielen Regen.
Die Einwohner Siams bilden ein Völkergemisch, wieschon die Bezeichnung der Halbinsel, „indochinesisch", andeutet.Die E inwohnerzahl wird auf sechsMillionen und darübersteigen; hievon rechnet man 2 Millionen für die eigentlichenSiamesen, 1 Million für Chinesen (?), 1 Million Malayen1 Million L aoS und eine halbe Million für die Kambodschaner;den Rest bilden verschiedene Bergvölker der Karenen und Schansund Europäer. Die eigentlichen Siamesen sind wohl selbstein Mischvolk, entstanden von der Vereinigung der Ur-einwohner und der Chinesen bezw. Mongolen und Hindu.Ihr Nanie deutet auf den alten Namen SiamS und seine Ur-einwohner hin; Siam hieß ursprünglich Sajam, d. h. Landder braunen Leute. Der mongolische oder chinesische Typustritt bei den Siamesen mehr hervor, als der indische, der beiihnen schwer zu erkennen ist. Sie haben schief- und cnggeschlitzteAugen und hervorstehende Backenknochen; sind aber nicht großund schlank, sondern haben einen gedrungen stämmigen Körper-bau und einen sehr großen runden Kopf. Ihre Hautfarbe isthellbraun, dunkler als die der andern Völkerstämme. Mit denChinesen haben sie gemein die übertriebene Höflichkeit, aber auchdie Verschlagenheit und die Spielwuth, nicht aber auch dixArbeitsamkeit (l).
Ein Hauptcharakteristikum der Siamesen ist ihre sklavischefeige Gesinnung. „Kein Wunder — das ist die Frucht einervielhundertjährigen Sklaverei unter dem Joche despotischerKönige und Staatsbeamten." Diese Unterwürfigkeit schildert
°) Nachgezeichnet der kurzen Schilderung des französischen Keifenden Mouhot (in „D. kath. Missionen", Jahrg. 1883,S, 4).
ein Missionär mit den Worten: „Hier zu Lande liegt Allesauf dem Bauch, oder auf den Knieen: der Sklave vor seinemHerrn, mag dieser vornehm sein oder nicht; dieser vor demCivilbeamten; der Soldat vor seinem Officier; der Buddha-Mönch vor seinem Abt und Alle miteinander vor dem König.Selbst die vornehmsten Siamesen müssen sich in Gegenwartdes Königs auf die Kniee und Ellbogen niederwerfen."
Ich möchte hiczu bemerken, daß diese Unterwürfigkeit dochnicht allein auö dem Despotismus hervorgegangen, sondern ihreine besondere streng religiöse und moralische Anschauung zuGrunde liegt; nämlich der tiefernste feste Glaube an diewahrhaft göttliche Majestät eines Königs und dieEhrfurcht vor der von den Göttern dem Menschen ver-liehenen Uebermacht und Herrschberechtigung. Diesean und für sich nichts weniger als thörichte und lächerliche An-schauung hat aber die Leidenschaft der Herrsucht und des Hoch-muths greulich mißbraucht und so diese Ungeheuerlichkeit derUntcrwcrfungsart erzeugt.
Als eine gute Eigenschaft der Siamesen wird hervorgehobenihr Familiengeist, die große Liebs zwischen den Gatten,Eltern und Kindern und gegen die Verwandten. Ihre gegen-seitige Liebe und Sorgfalt, die kein Opfer scheut und sich nament-lich in Krankhcitö- und Sterbcfällcn offenbart, ist rührend,und sie berechtigt zu der Annahme, daß dieses Volk edler Ge-fühle und hochherziger Aufopferung fähig ist.
Die Haupt- und Residenzstadt Bangkok ist höchstinteressant. Sie hat die großen Titel der alten zerstörtenAjut h i a (auch Juthia geschrieben) erhalten, lautend zu deutsch :„Die große, königliche Stadt, die Stadt der Engel; die unüber-windliche Stadt, die schöne Stadt" u. s. w. Man nennt sieauch das „asiatische Venedig", und dieses Prädikat, sowiedas Lobwort schön gebührt ihr: Bangkok , die „Stadt derwilden Oclbäume" mit ihren 400,000 Einwohnern, erstreckt sichdrei Stunden lang an den beiden Uiern des Menam da-hin und ist von zahlreichen Kanälen durchschnitten in allenBezirken. Auf beiden Userseitcn herrliche Gärten; im Hinter-gründe, dem Hanpttheile der Stadt, zahlreiche hochgcthürmte,buntvcrzierte Tempel und Pagoden, prächtige, vergoldete Paläste,die sich in der Ferne wie zauberhaft von dem dunkeln Gründer tropischen Bäume abheben; die an beiden Ufern auf mäch-tigen Holzflößen schwimmenden Häuser. Paläste, Tempel, zahl-losen Kähne, Marktschiffe in den verschiedensten Formen undFarben, und zwischen diesem bunten Gewimmel europäischeDreimaster und chinesische Dschonken, die mit Donnerschlägcnder Gong (Rieseutrommcl) die Hafenschiffe begrüßen: so magBangkok wohl einen ganz eigenthümlichen, mächtigen, kaumzu schildernden Eindruck machen. Die ärmeren Stadttheileliefern allerdings, wie gewöhnlich in den großen Städten, ci»grelles Gegenstück zu den: „schönen" Bangkok .
Die Häuser sind ohne Ausnahme fest, aus Teakholz undstehen auf dem Fcstlande und den Inseln auf hohen Pfählen.Die innere Stadt ist mit einer Mauer, die mit Zinn bedeckt,umgeben. In der Mitte dieses HauptstadttheilcS steht derPalast des KönigS, von Gold und Elfenbein strotzend,mit hundert Sälen und Prunkgemächern, umgeben von tausendWachen! Hier thront der „große König, der Sohn desHimmels, die Kraft Gottes, das leuchtende Eben-bild der Sonne ".
Die StaatSform Siam'S ist, wie bereits angedeutet,der ausgeprägteste Despotismus. Die alten Siamesen schonnannten ihr Land stolz „Mnang-Thai", d. h. das König-reich der „freien Männer", und auch die heutigen Ein-wohner halten noch mit Stolz an diesem Titel fest; gegenwärtigaber — nein, schon längst — ist er eine wahre Ironie;es sollte heißen, das Land der Sklaven. Neben den vorhan-