Ausgabe 
(11.1.1894) 2
 
Einzelbild herunterladen

11. Januar 1894.

f vr. Sebastian Brmmer.

Von Franz Vogt.

Am 26. November v. I. schloß im Greisenasyl zuWähring bei Wien ein Mann die müden Augen zumewigen Schlummer, der wohl verdient, daß ihm nachseinem Tode die Anerkennung gezollt wird, die er imLeben nicht gefunden. Nicht Orden und Ehrenzeichenschmückten seine Brust, nicht die Stufen hoher Ehrenund Würden hat er erklommen, nicht Schätze und Reich-thum hat er sich gesammelt, kurz nichts, was in denAugen der Welt Ehre und Ansehen verleiht, konnte ersein eigen nennen, und doch überragte er himmelweitgar viele hochgestellte Männer seiner Zeit, die mit mit-leidigem Achselzucken auf ihn Herabschauen zu müssenglaubten, und doch windet sich um seine Stirne der un-vergängliche Lorbeer des Sieges, nicht errungen imMännermordenden Kriege, sondern im Kampf der Geister,in welchem er, ein stahlbewehrter ritterlicher Kämpe, dasSchwert des Geistes schwang im Dienste Gottes undseiner HI. Kirche; ein Kämpfer, der von der Vorsehungmitten hineingestellt wurde in die Wirren einer gott-entfremdetcn, kirchenfeindlichen Zeit und der seinen Beruf,für GotteS heilige Sache zu fechten, so klar und wahrerkannte, wie kaum ein anderer. Dieser Mann, dessenName für seine Zeit ein ganzes kirchenpolitisches Pro-gramm bedeutete, der mit feinem Leben und Wirken alsein Mahnzeichen in unsere Zeit hercinragt, es ist derch Prälat Dr. Sebastian Brunner .

Leider verbietet uns der Raum, eine ausführlicheLebensbeschreibung dieses seltenen Mannes zu geben, undnur in großen Zügen möge hier das Wichtigste ausseinem Leben und Wirken geschildert sein.

Sebastian Vruuuers Wiege stand in der donan-umrauschten Kaiserstadt Wien . Er wurde geboren am10. Dezember 1814. Seine Eltern, der SeidenweberJakob Brunner und dessen Gattin Anna, geb. Stettcr,waren goticsfürchtige, streng religiöse Leute.tuaiu illuinillu super ssrvuiu tuuiu eb cioee euiuzustülicatiouss tuas" schrieb der des Lateins kundigeVater in den Kalender neben das Datum der Geburtseines Sohnes, und diese in der Familie herrschendeReligiosität war bedeutungsvoll für fein ganzes Leben:er empfing im Elternhause feste, religiöse Grundsätze,empfing jenen Fonds christlicher Gesinnung, der ihn späteraufrecht erhielt, als Studium, Lektüre und Gesellschaftauf die Erinnerungen seiner Jugend einstürmten, so daßer wohl wanken und straucheln, aber nicht fallen konnte.

Ueber BrunnerS Jugend, die er uns so köstlich inseiner SelbstbiographieWoher? Wohin?" schildert,müssen wir rasch hinwegeilen, nur so viel sei gesagt,daß ihm schon in der Elementarschule das passirte, wasihm oft im späteren Leben vorkam, daß er nämlichgründlich verkannt wurde. Seine erste Lehrerin, Ma-dame Embler, meinte nämlich seinem Vater gegenüber,im Rechnen gehe es ihm wohl so halb und halb leidlich,im schriftlichen Aufsatz aber sei er der schlechteste;DerBub hat halt keinen Geist; schlafen thut er immer, erist halt der Schlafende." Wie eben bemerkr, wurdenauch später, als Brunner längst einen ehrenvollen Platzin der österreichischen Schriftstellerwelt sich erobert hatte,von dem Pygmäcnthiim der damaligen geistlichen undweltlichen Bureaukratie solche Urtheile über ihn gefällt.

Dem einen war er einpraktisch unbrauchbarer Mensch"'einem andernnicht gerade ohne Talent", einem drittennichts als ein phantastischer Schwarzmaler der Zukunftmit ein wenig Darstellnugsgabe" und was solcher er-heiternden Urtheile mehr sind.

Mit dem Beginn seiner Gymnasialstudien begannfür Brunner eine Zeit geistiger Gefahr und geistigenRingens und Kümpfens. Der für die damaligen Ver-hältnisse ganz ungenügende und verfehlte Religions-unterricht, sowie eine maßlos betriebene Lektüre, der ersich hingab, stürzten ihn in Glaubenszweifel, die er selbstin ergreifender Weise schildert und die andauerten, bisihm endlich nach seiner Aufnahme ins Alumnat in Wien in dem dortigen Spiritual Horni ein Seelcnführcr er-stand, der ihm die richtige Lektüre in die Hand gab:Hurters Jnnozenz III., Möhlcrs Symbolik rc. rc. Zurvollen Wahrheit uud Klarheit aber führten ihn die Be-kenntnisse des hl. Augustiuus, uud als er sich durch seineSeelenkämpfe durchgerungen hatte, da stand der Ent-schluß fest bei ihm, Priester zu werden, ein Entschluß,der bei der damaligen Mißachtung, in welcher der Clcrusstand, geradezu heroisch genannt werden muß. Am5. August 1838 feierte Brunner in Maria-Zcll, einemberühmten Wallfahrtsort Stcicrmarks, seine Primiz,und jetzt beginnt für ihn ein Opscrleben, das er biszum Grabe führen mußte.

Damals lag in Oesterreich die Kirche Gottes sehrdarnieder. Kaiser Joseph II. hatte das bekannteI/stach o'esb raoi" auch in kirchlicher Beziehung durch-geführt und in staatlichen Bildungsanstalten einen Klerusherangezogen,dem das Kriechen nach oben vielfach zurregulären Bewegungsart geworden war" undder sichdas Denken vollständig abgewöhnt halte". In Folge dessenwurden die Priester wie Schuljungen behandelt, Kirchcn-kncchtschast war damals Zeitanschauung und eine steifeBureaukratie machte sich in der Kirche breit. WasWunder, wenn einem Manne, der durch schwere, innereKämpfe zur Wahrheit gelangt war, beim Anblick dieserZustünde das Herz blutete, was Wunder, wenn sichheiliger Manneszorn in seiner Brust erhob und wenn erdie Kirchenbureaukraten mit Keulcnschlägen tractirte,wenn er sang:'

Mit allem Zaudern und Zagen fort,

Die Zeit braucht ein entschieden Wort,

Und eS ist Pflicht eines Jeden,

Dem die Wahrheit im Herzen lebt,

Daß er die Hand zum Schwur erhebt,

Im Dienste des Herrn zu rceen,"

und wenn er jene Bureaukratie mit den Versen geißelte:

Aufgcklärtsein ist ihr Wahlspruch,

Dafür soll die Welt sie halten,

Dabei wedeln sie wie HundeVor den irdischen Gewalten.

An der Kirche kaun man zweifelnUnd am Ausspruch der Conzile,

Doch wer an Dekreten zweifelt,

Setzt sein Leben ein zum Spiele.

Statt dem echten heiligen Geiste,

Der einst in die Wüt geflossen,

Wird das Tintenfaß von nun anUeber alle auögegossen."

Gegen diese Bureaukratie gründete er mitten in denWirren des Jahres 1848, wo er selbst eine Belagerungauszuhalten gezwungen war, seineKirchenzeitung", aufderen Banner stand: Freiheit der Kirche und Errettung